Schule : Auf nach Europa

Nie war es so leicht für Berliner Schüler, Kontakt zu Kindern und Jugendlichen in Nachbarländern aufzunehmen – auch online

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Aus Lehm geformt. Im Moabiter Schulgarten wird getöpfert, gemanscht und gestampft: 13 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren lernen in den Herbstferien, Ofenskulpturen aus Lehm zu fertigen. Dabei sind nicht nur die Skulpturen selbst gemacht – auch der Ofen wird eigenhändig aus Stöcken und Lehm gebaut (unten Mitte). Mithilfe von Workshop-Leiter Douraid Rahhal (u.) können die Lehmhäuschen schließlich im Ofen gebrannt werden. Fotos: Thilo Rückeis
Aus Lehm geformt. Im Moabiter Schulgarten wird getöpfert, gemanscht und gestampft: 13 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren...

Für den zehn Jahre alten Kerim Sahin ist es ganz selbstverständlich, Besuch von Schülern aus England und Polen zu bekommen. Ihnen das Rote Rathaus oder die Zitadelle Spandau zu zeigen – und sich vor und nach dem Aufenthalt per Videokonferenz auszutauschen. „Das macht viel Spaß, und ich habe neue Freunde gefunden“, sagt er.

Kerim besucht die fünfte Klasse der Siegerland-Grundschule in Spandau – einer Schule, an der die Kinder schon früh Kontakt zu europäischen Nachbarschulen aufnehmen. Er selbst ist mit seiner Klasse zwar noch nicht unterwegs gewesen – „aber vielleicht fahren wir nächstes Jahr nach England“, sagt er.

Kerim und seine Mitschüler sollen bei diesen Begegnungen ein Gefühl für das Zusammenwachsen Europas, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Nachbarländer und die verschiedenen Sprachen bekommen. Europa und seine Institutionen ziehen sich mittlerweile wie ein roter Faden durch die Schulzeit junger Berliner: von der Grund- über die Oberschule bis zum Oberstufenzentrum. Im Jahr 2004 wurde auch gesetzlich verankert, den Schülern beizubringen, ihre „Aufgaben in einem gemeinsamen Europa wahrzunehmen“ – sie sollen lernen, sich als Europäer zu begreifen. Hilfreich sind dabei die vielen und über die klassische Brieffreundschaft weit hinausgehenden technischen Möglichkeiten, die schon für junge Schüler einfach zu nutzen sind. Kerims Lehrerin Christiane Meisenburg etwa bringt ihre Schüler seit fünf Jahren mit modernen Kommunikationsmitteln nach Europa. Sie betreut für Berlins Grundschulen das sogenannte e-Twinning, das man mit einem virtuellen Schüleraustausch vergleichen könnte: Es ist ein EU-Programm, das Schulen über das Internet miteinander vernetzt. Klassen aus verschiedenen Ländern arbeiten auf diese Weise an gemeinsamen Projekten.

„Wir haben unter anderem mit einer griechischen und rumänischen Klasse kooperiert“, sagt Meisenburg. Das gemeinsame Thema war „Outdoor Games“. Dabei haben die Partnerklassen kleine Filme gedreht, in denen sie der jeweils anderen ihre Lieblingsspiele vorgestellt haben. „Wir machen auch Videokonferenzen“, sagt Meisenburg. So können sich die Schüler per Skype mit ihren Altersgenossen austauschen. Für ihr Engagement wurde die Schule schon mehrfach ausgezeichnet.

Insgesamt nehmen in Berlin etwa 120 Grund- und Oberschulen mit knapp 150 Projekten am e-Twinning teil. Sie liegen damit deutschlandweit an der Spitze. Meisenburg ist zufrieden mit der Entwicklung: „Ich finde es gut, wenn die Schüler davon begeistert sind, mit Leuten aus dem Ausland zu kommunizieren“ – und über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Am Anfang sei es zwar etwas schwierig, die neuen Techniken mit in den Unterricht einzubinden. Doch wenn die Lehrer sich fortbildeten, werde es schnell besser: „Die technischen Werkzeuge sind recht einfach zu nutzen.“ Außerdem sei es schön, wenn auch zwischen den Kollegen aus den verschiedenen Ländern Kontakte und Freundschaften entstehen.

Gefördert wird das unter anderem durch das EU-Programm Comenius, das zum Beispiel Fortbildungen für Lehrkräfte ermöglicht. 49 Schulen nutzen in Berlin dieses Angebot. Die Lehrkräfte können sich dann zum Beispiel im Nachbarland treffen und auch einen realen Schüleraustausch vorbereiten.

Den gibt es natürlich auch noch – etwa am Lessing-Gymnasium in Wedding. Bei den klassischen Austauschprogrammen haben die Schüler dort die Qual der Wahl zwischen den europäischen Ländern und Russland. Der 18-Jährige Nawid Chuadja hat sich vor zwei Jahren etwa für den französischen Nachbarn entschieden – er ging an eine Schule in der Nähe von Lille. Schon vor dem Austausch schrieb er sich Briefe und Mails mit seinem Austauschschüler – und nahm auch schon einmal Kontakt per Facebook auf. In der Gastfamilie verbrachte er eine Woche. „In dieser Zeit habe ich die Hemmungen abgebaut, die ich vorher beim Französischsprechen hatte.“ Der Aufenthalt habe ihn stark beeinflusst: „Ich habe danach Französisch als Leistungskurs gewählt.“

Weil dort auch Russisch gelehrt wird, spielt am Lessing-Gymnasium Osteuropa ebenfalls eine große Rolle. Bald will Schulleiter Michael Wüstenberg einen längeren Austausch anbieten: „Dann sollen Schüler aus St. Petersburg für zwei bis drei Monate zu uns kommen“, im Gegenzug reisen die deutschen Schüler dorthin. Das sei eine gute Zeitspanne, um wirklich ein Gefühl für die Fremdsprache zu entwickeln.

In Berlins Oberstufenzentren organisieren Pädagogen bereits den Austausch mit Betrieben und Schulen in Nachbarländern – unter anderem im Rahmen des Leonardo-Programms, das grenzüberschreitend berufliche Bildung fördert. An der Wittenauer Ernst-Litfaß-Schule etwa koordiniert Dirk Zellmer die internationalen Projekte: Im Jahr nehmen rund 200 Schüler an einem Austausch teil. „Einige haben sich nach dem Ausbildungsende auch schon eine Stelle in europäischen Nachbarländern gesucht.“

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