Autonome in Berlin : Das ganz normale Leben in einer Wagenburg

Für viele kaum vorstellbar: Ein Leben ohne Wasser- und Stromanschluss. Mitten in Berlin leben Autonome in Wagenburgen. An ihrer freien Lebensweise haften viele Klischees. Doch Wagenburg ist nicht gleich Wagenburg.

Vanessa Nitschke

Man betritt die offene Wagenburg „Lohmühle“ in Alt-Treptow und hat das Gefühl, in ein Wohnzimmer reinzuplatzen. Abgewaschenes Geschirr liegt auf einer Holzablage, ein Kleiderschrank mit der Überschrift „Nur für Kleidung“ ist für jeden zugänglich, die Wohnwägen sind offen und einsichtig. Eine Holzhütte inmitten aller Wohnwägen, die man bei näherer Betrachtung als Küche ausmachen kann, drei Plumpsklos stehen am Rand des Platzes.

Hier und da sieht man ein paar Bewohner, aber nur wenige möchten sich zu ihrem autonomen Leben äußern. Der Vater mit seiner kleinen Tochter erklärt freundlich, dass die beiden allein sein möchten, eine andere Frau winkt sofort ab und verschwindet.

Bei einem Rundgang über den Platz ist ein kleiner aber feiner selbst gestalteter Spielplatz auszumachen. In einer anderen Ecke steht eine Badewanne, die offensichtlich nicht mehr zum Baden dient, sondern für andere Zwecke, wie zum Beispiel Wäsche waschen. Eine Wäscheleine mit trocknender Kleidung hängt vor einem Wagen, neben diesem steht ein solcher in allen Farben bunt bemalt. Bäume, Büsche und Blumen wachsen wie sie wollen, nichts wird in seiner Entfaltung eingeschränkt.

Bemerkenswert: Es gibt weder Elektrizität noch Wasseranschlüsse, das bedeutet also: Keine Wasch- oder Geschirrspülmaschine, keine Heizung, weder Fernseher, noch Internetanschluss. Strom wird durch Solarzellen und ein kleines Windrad erzeugt. Trinkwasser muss nach Hause getragen werden, eine Pumpe sorgt für das Waschwasser oder ähnliches.

Viele können sich so ein Leben kaum vorstellen. Es ist nicht „normal“. Was viele mit diesem Satz meinen ist, dass dieses Leben nicht der Norm entspricht. Das ist ein großer Unterschied. Unterhält man sich mit Bewohnern, erkennt man, dass sie ihr Leben vollkommen „normal“ finden und glücklich sind.

Eine Bewohnerin, der man aufgrund ihres Äußeren auf der Straße nicht ansehen würde, dass sie in einer Wagenburg lebt, verrät, dass sie in einer Wohnung nicht leben kann, sie „fühle sich dort eingesperrt“. „Ich brauche halt das draußen sein“, sagt sie. Außerdem möchte sie draußen frühstücken können. Klar könne man sein Essen mit in den Park nehmen, aber wer mache das schon. Ein weiterer Grund, weshalb die Spielzeugverkäuferin die autonome Lebensweise vorzieht ist, dass sie durch ihr „Haus auf Rädern“ mobiler sei. Sie selber vermisse im Vergleich zu einem konventionellen Leben nichts. Fernsehen habe sie noch nie geschaut, deshalb könne sie das nicht vermissen. Einen Computer, den sie soweit möglich mit der Energie der Solarzellen bzw. des Windrades antreibt, besitze sie und ansonsten habe sie alles, was sie bräuchte, erklärt die Autonome und steht mit Bluejeans und Pulli lächelnd da, als wäre ihr Leben das normalste der Welt.

Wenn einmal ein großer Berg an Wäsche anliegt, geht man in den Waschsalon, auf geflieste Badezimmer kann verzichtet werden, das Plumpsklo tut es auch.

Das Zusammenleben auf der Wagenburg ist weniger wie eine Nachbarschaft, in der man sich nicht mehr zu sagen hätte als guten Tag und guten Weg, sondern vielmehr wie eine Gemeinschaft. Verspürt man das Bedürfnis nach Gesellschaft, tut man sich mit jemandem zusammen, möchte man jedoch seine Ruhe haben, zieht man sich in seinen Wagen zurück.

In der Nähe des Kiehlufers unweit des Görlitzer Parks leben nach Angaben der Bewohner "derzeit 17 Erwachsene, anderthalb Kinder und ein dutzend Hunde und Katzen" mit ihren Wägen auf dem Areal. Zusammen bezahlen sie für ihren Platz eine Pacht, die sie an das Land Berlin leisten müssen.

 In der Kiefholzstraße in Neukölln befindet sich die Wagenburg „Schwarzer Kanal“. Vor dem Betreten des eigentlichen Platzes muss man Acht geben, nicht über die vielen Fahrräder zu stolpern, die anscheinend unachtsam dort abgelegt wurden.

Der Eingang ist ein schmaler Pfad, der durch ein paar Büsche und Bäume führt. Findet man diesen Pfad nicht, bemüht man sich vor einem großen eisernen Tor mit einer Auffahrt, die extra für die Wägen der Autonomen angelegt wurde, einen der Bewohner zu erhaschen.

Unwissend betritt man den Wagenplatz und bittet um ein Interview, wobei zwei Amerikaner freundlich darauf aufmerksam machen, dass man dafür einen Termin bräuchte. Es gibt anscheinend so viele Neugierige, die mehr über ein solches autonomes Leben erfahren möchten, dass die Bewohner teilweise nicht mehr mit den Leuten reden möchten. Die wenigen, die dazu noch bereit sind, verlangen einen Termin. Hat man diesen nicht, kann man Eindrücke über die Wagenburg nur von draußen gewinnen.

  Eine dritte Wagenburg befindet sich in Kreuzberg in der Köpenicker Straße. Vor dem großen schmiedeeisernen Tor liegt ein großer Haufen Müll, darunter Fernseher, Klamotten, Einkaufswägen etc. Hinter dem Tor bietet sich für zart besaitete unter uns neben dem Wagenplatz ein schauriger Anblick eines besetzten Hauses. Es stinkt und ist dreckig. Mehrere große gefährlich aussehende Hunde unterstützen die instinktiv wahrgenommene Feindseligkeit der Bewohner, die sich nicht zeigen wollen. Man sieht einen Mann, der Anfang bis Mitte 20 scheint, mit blondem Irokesen-Haarschnitt, schwarzen Klamotten und auffallend vielen Piercings. Zwei andere schwarz gekleidete Männer tragen voll beladene Kartons in das schaurige Haus. Der gesamte Platz ist düster und wirkt alles andere als einladend.

 Man stellt also fest, dass Wagenburg nicht gleich Wagenburg ist. Die Bewohner der Wagenburg Lohmühle erfüllen Vorurteile und Klischees überhaupt nicht, hingegen werden in Kreuzberg alle Klischees bedient. Durch die Eindrücke, die ich in der „Lohmühle“ gewonnen habe, haben sich meine Ansichten bezüglich autonomer Lebensweise positiv verändert.

Dieser Text entstand im Rahmen der Tagesspiegel-Schülerakademie.

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