Bewertungsmaßstäbe : Was ein Ranking ausmacht

Neues Forschungsrating: Der Wissenschaftsrat erprobt verbesserte Bewertungsmaßstäbe

Anja Kühne

Rankings von Hochschulen haben einen hohen Unterhaltungswert. An ihrem Informationswert hingegen sind schon immer Zweifel geäußert worden. Leistungen in Forschung und Lehre lassen sich meist nur um den Preis großer Verzerrungen als Hitparaden präsentieren. So fließt ins Schanghai-Ranking der weltweit besten Unis die Zahl von vor hundert Jahren tätigen Nobelpreisträgern ein – zum Schaden von Hochschulen, die noch gar nicht so lange existieren.

Fragwürdig ist auch das Vorgehen des Centrums für Hochschulforschung (CHE), das Monografien besser benotet, je mehr Seiten sie haben – mit der Folge, dass die Wissenschaftler ihre Gedanken noch breiter treten und die Verlage noch weniger Text auf eine Seite drucken, wie Reinhard Hüttl, Professor am Geoforschungszentrum Potsdam, mokant bemerkt. „Denn die Forscher strengen sich da an, wo gemessen wird.“ Rankings beeinflussen die Forschung, ob die Kriterien fragwürdig sind oder nicht.

Hüttl leitet die Steuerungsgruppe, die im Wissenschaftsrat in einer Pilotstudie ein neues Forschungsrating erprobt. Die aufwendige Untersuchung erprobt Maßstäbe, nach denen sich wissenschaftliche Leistung sachgerechter beurteilen lässt, als das in Rankings der Fall ist. Für das Fach Chemie wurden die Ergebnisse bereits im vergangenen Dezember veröffentlicht. Am vergangenen Freitag stellte der Wissenschaftsrat in Berlin die Bilanz für die Soziologie vor.

Das Rating des Wissenschaftsrats ist hoch differenziert. Es untersucht sechs Kriterien, die jeweils nach einer Reihe von quantitativen und qualitativen Faktoren gemessen werden. Neben der Qualität der Forschung werden beurteilt: der Impact-Faktor (Beitrag der Einrichtung zur Entwicklung der Wissenschaft), die Effizienz (Beitrag der Einrichtung zur Entwicklung der Wissenschaft in Relation zum Personaleinsatz), die Nachwuchsförderung, der Transfer in andere gesellschaftliche Bereiche und die Wissensvermittlung an Nichtfachleute.

Daraus soll das Fach mehr über sich selbst erfahren. Die Gutachtergruppe um den Soziologen Friedhelm Neidhart wünscht sich, dass die geprüften Einrichtungen darüber nachdenken, wie sie ihre Stärken beibehalten und ihre Schwächen beseitigen können. Die Gutachter sind sich aber auch über die Gefahren ihrer Studie im Klaren: Unileitungen könnten ein negatives Fachrating zum Anlass nehmen, die kleineren Soziologie-Institute abzuwickeln. Der Wissenschaftsrat will die Folgen seines Berichts beobachten, „Ratingfolgenabschätzung“ betreiben.

Für die deutsche Soziologie sieht die Lage insgesamt gut aus. Allerdings klafft die Leistung an den Instituten oft weit auseinander, lautet das Ergebnis. Auch könnte die oft kleinteilig organisierte Soziologie davon profitieren, ihre Kräfte zu bündeln. Interdisziplinarität ist für das Fach zwingend – gefährdet ist es aber, wenn Lehrstühle schließlich in der Nachbardisziplin aufgehen. Von 57 untersuchten Einrichtungen gab es 9, die insgesamt sehr gut abschnitten. An 60 Prozent aller untersuchten Institute gab es jeweils immerhin mindestens eine „Forschungseinheit“ – also einen Lehrstuhl oder ein Teilinstitut – die sehr gut oder sogar exzellent bewertet wurde.

Beim Kriterium „Forschungsqualität (Mittel)“ schneidet die Uni Mannheim mit der Höchstnote 5, also „exzellent“ ab. Das erreichen sonst nur zwei außeruniversitäre Institute: das Sozioökonomische Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sowie das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Mit „sehr gut“ bewertet wurde im Schnitt die Qualität der Forschung der Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie der Unis Düsseldorf, Erfurt und München. Die Berliner Unis bekommen bei diesem Kriterium jeweils die Note „gut“ – gemeinsam mit 36 Einrichtungen. Nur 12 Unis erhalten insgesamt die Note „befriedigend“ für die Qualität der Forschung. Im Mai will der Wissenschaftsrat darüber beraten, ob und in welcher Form das Verfahren weiterentwickelt und auf andere Fächer ausgedehnt werden soll.

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