Bildung in Berlin : Spielend das Wahlrecht verstehen

Ein pensionierter Lehrer hat ein Brettspiel erfunden, mit dem Schüler und Erwachsene die Mandatsverteilung verstehen können.

von
Spiel der Wahl. Joachim Jaksch und seine Präsentation. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Spiel der Wahl. Joachim Jaksch und seine Präsentation.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Unser Wahlrecht ist nicht kompliziert“, sagt Joachim Jaksch, und sein Blick durch die runde Brille lässt den ehemaligen Pädagogen erkennen. „Das Wahlrecht ist bloß komplex.“ Weil das aber auch noch eine Herausforderung ist, hat der pensionierte Lehrer es sich zur Aufgabe gemacht, das System der personalisierten Verhältniswahl Leuten nahezubringen, die es genauer wissen wollen. Und zwar spielend. Wenn er die Präsentation aufbaut, die er sich ausgedacht hat, sieht es zuerst aus wie eine Mischung aus Backgammon-Brettern mit etwas zu groß geratenen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren. Ein anschaulicher Zugang zu einer zweifellos vertrackten Materie.

Selbst der Bundestagspräsident findet das Wahlrecht zu kompliziert

Das Thema Wahlrecht treibt Jaksch schon lange um. Nach seiner Pensionierung begann er, sich tiefer damit zu beschäftigen. Viele Texte, so seine Erkenntnis, tragen nicht zum besseren Verständnis bei. Also hatte er die Idee, das Wahlsystem optisch darzustellen. Erstmals setzte er sie zur Landtagswahl 2009 in Brandenburg um, am Friedrich-Engels-Gymnasium in Senftenberg. Einige der Schüler, denen Jaksch damals das Wahlsystem vor Augen führte, sind mit ihm in Verbindung geblieben und gehören zu der kleinen Gruppe, die nun die Präsentation in eine Online-Version umsetzen wollen. Der Name der Website steht schon fest: www.wahl-aktiv.de. Was noch fehlt, ist ein Sponsor. Jaksch kann sich vorstellen, die Präsentation eine Zeit lang in einem Ladenlokal in Berlin aufzubauen – für alle, die sich mal den Spaß machen wollen, das Wahlsystem nicht durch Lesen zu begreifen, sondern durch das Bewegen von Figuren.

Der gebürtige Schwabe lebt seit 1966 in Berlin, damals zog es ihn nach einem Pädagogikstudium ans Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Dann hat er an Realschulen und an Gymnasien vor allem in Wedding Sozialkunde und Geschichte unterrichtet, später war er Schulrat in Weißensee. Dass den 73-Jährigen nun der Ehrgeiz gepackt hat, seine Präsentation zur Bundestagswahl im Herbst (und auch danach) möglichst vielen Interessierten anzubieten, daran hat auch Norbert Lammert seinen Anteil. Es habe ihn angetrieben, dass der Bundestagspräsident im vorigen Herbst monierte, das Wahlrecht sei so kompliziert, dass nicht einmal eine Handvoll Bundestagsabgeordnete „unfallfrei“ die Umwandlung der Stimmen in Sitze erklären könne. „So schwierig ist es doch nicht“, sagte sich Jaksch. „Ich will zeigen, dass es gar nicht so mühevoll ist, den Weg der Mandatsverteilung so darzustellen, dass zumindest Zehntklässler ihn verstehen können.“ Wobei Jaksch keineswegs nur an Schüler denkt. Er möchte alle erreichen, die das Wahlsystem durchschauen wollen.

Es geht um Sitzkontingent, Wahlkreise, Direktmandate, Landeslisten

Mit seinen eigens für sein Projekt gefertigten Darstellungsflächen und den Figuren in den Parteifarben spielt Jaksch den Wahlvorgang und die Sitzzuteilung nach, ausgehend von den Berliner Wahlkreisen. Auch für Hamburg und Brandenburg hat er Vorlagen. Es geht um das Sitzkontingent, die einzelnen Wahlkreise, die Direktmandate und Landeslisten. In einem weiteren Schritt werden alle Länder einbezogen – so wie die Sitzzuteilung auch im echten Verfahren zunächst in den Ländern erfolgt. Dann geht es, der zweite Schritt der Mandatsverteilung, auf die Bundesebene. Spätestens hier wird die Problematik der systembedingten Mehrmandate und der Überhangmandate deutlich, und daraus folgend die Verteilung der Ausgleichsmandate. Keine einfache Sache, da kommt jeder Erklärungsversuch an Grenzen. Aber dank der spielerischen Aufstellung und dem Voranschreiten von Station zu Station behält man, mit ein bisschen Konzentration, den Überblick. Die Präsentation führt dann zurück nach Berlin – am Ende lässt sich nachvollziehen, wie es 2012 zu den 27 Mandaten für die Hauptstadt gekommen ist. Und mit dem Blick aufs Ganze, warum es bei der vorigen Wahl 631 Abgeordnete geworden sind und nicht die „Normalgröße“ von 598 Mandaten herauskam.

Weil Jaksch, ganz altmodisch, Figuren nutzt und Spielflächen und Karten, „lässt sich alles im wahrsten Sinn des Wortes begreifen“, wie er sagt. 45 Minuten dauert die Präsentation. Eine Gruppe sollte nicht größer sein als 15 Personen. Denn alle sollen sich „wie in einem Spiel“ beteiligen. Von der Bundestagswahl erhofft er sich einen Schub für sein Projekt. Vor allem dann, wenn sich tatsächlich die Prognosen erfüllen, dass das Parlament noch größer sein wird als jetzt. Dann dürften viele Wähler aufmerken. Nicht dass Jaksch sich das wünschen würde. Aber er könnte dann spielend erklären, warum es so gekommen ist.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar