Bildung : Migrantengymnasium: Tadel für Schulrat

Der Vorschlag von Oberschulrat Gerhard Schmid, spezielle Gymnasien für Kinder aus Migrantenfamilien einzurichten, stößt bei Migrantenverbänden und Bildungsexperten auf harsche Kritik.

Ferda Ataman

„Das ist nicht Pädagogik, sondern Diskriminierung“, sagte etwa Tülay Usta, Vorsitzende des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg. „Die Mehrheit der Schüler wird bald einen Migrationshintergrund haben – statt das Schulwesen danach zu reformieren, sollen sie aussortiert und an gesonderte Schulen geschickt werden.“ So eine Idee von einem Pädagogen sei beschämend.

Wie berichtet, hat Gerhard Schmid, Beamter aus Friedrichshain-Kreuzberg, in seiner Funktion als Regionalbeauftragter des konservativen „Bunds Freiheit der Wissenschaft“ vorgeschlagen, dass bildungsferne Deutsche und Migrantenkinder nach entsprechenden Aufnahmetests Gymnasien „mit besonderer pädagogischer Prägung“ besuchen sollten. Gerade bei Einwandererfamilien mache der Pädagoge „viele spezielle Schwierigkeiten“ aus: Vor allem türkische und arabische Kinder hätten oft mit „emotionalen Hürden“ zu kämpfen, viele seien „sozial abgedriftet“. Um mehr „studienfähige Vorbilder“ zu schaffen, fehle bislang das richtige Programm. „Wir sollten es mal mit etwas Neuem probieren“, sagt Schmid, der die Schulstrukturreform des Senats in der jüngsten Publikation seines Vereins als „linkes Bildungsexperiment“ kritisiert.

Cumali Kangal, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, bezeichnet Schmids Vorstoß als fatal. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Türken in Berlin das nachvollziehen können“, so Kangal. „Wer kann, versucht sein Kind auf eine Schule zu schicken, an der nicht so viele Migrantenkinder sind.“ Auch der Leiter der Arabischen Eltern-Union in Berlin, Mahmoud el Hussein, hält nichts davon, Migranten gezielt in einem Sondergymnasium zu konzentrieren. „Das sind Kinder, die hier aufgewachsen sind, und keine Außenseiter“, sagt er. Schmids Argument, dort könnten sie besser Deutsch lernen, sei paradox: „Wer ans Gymnasium kommt, sollte sowieso keine Sprachmängel aufweisen.“

Die Kritik am umstrittenen Pädagogen vereint ausnahmsweise die Fraktionen im Abgeordnetenhaus: „Auf dem Gymnasium geht es nicht um Förderung, sondern darum, das Abitur zu machen“, sagt Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU. In Stadtteilen wie Moabit oder Kreuzberg gebe es ohnehin Schulen mit 95 Prozent Migrantenkindern, zum Nachteil der Schüler.

Mieke Senftleben, FDP-Bildungsexpertin, sieht in dem Vorschlag eine „verfehlte Integrationspolitik“. Schüler aus Einwandererfamilien müssten früh fit gemacht werden, „so dass sie nicht erst zurückbleiben und Sonderschulen brauchen“. Der integrationspolitische Sprecher der Linksfraktion, Udo Wolf, betont, in den Bildungseinrichtungen müsse die Vielfalt der Stadt wiedergegeben werden. Mit der Schulreform soll daher eine Selektion von Schülern abgeschafft werden. Der  Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner will auf den Vorschlag des Beamten gar nicht erst eingehen. Ferda Ataman

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