Bildung : Wie gut sind Deutschlands Lehrer?

Ob jemand ein guter Lehrer ist, hängt von vielen Faktoren ab. Sie sollen innovativ, fachlich perfekt und methodisch geschult zugleich sein. Wie können Lehrer das erreichen?

Anja Kühne
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Manche Schüler verehren Frau Müller, andere schwören auf Herrn Schulze. Jeder hat seinen Lieblingslehrer oder seine Lieblingslehrerin. Gemeinsam haben Müller und Schulze wahrscheinlich, dass sie charismatische und engagierte Persönlichkeiten sind, im rechten Moment nachsichtig oder fordernd. Ob jemand eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer ist, hängt aber von vielen Faktoren ab.

Was müssen Lehrer können?

Der Anforderungskatalog, den Wirtschaft, Wissenschaft, Kirchen, Eltern und Politiker für Lehrer formulieren, wird immer länger. Die Lehrer sollen nicht nur in ihrem Fach auf dem neuesten Forschungsstand sein, sondern auch einen guten Draht zur Polizei haben. Sie sollen die neuesten Unterrichtsmethoden beherrschen, aber auch den Schülern, deren Eltern bei der Erziehung versagen, Vater und Mutter ersetzen.

Für Ewald Terhart, Professor an der Universität Münster und einer der wichtigsten Experten in Deutschland für die Lehrerausbildung, ist entscheidend, "dass der Lehrer in der Lage sein muss, die Schüler für inhaltliche Herausforderungen zu begeistern". Das ist auch eine der wichtigsten Anforderungen im Lehrerwettbewerb "Unterricht innovativ" des Deutschen Philologenverbands, des Industrieverbands BDI und der Stiftung Industrieforschung, dessen Preisträger an diesem Freitag vorgestellt werden.

Wie wird der Lehrernachwuchs rekrutiert?

In Deutschland kann im Prinzip jeder, der das Abitur hat, das Lehramtsstudium ergreifen. In letzter Zeit wächst aber die Zahl der Studiengänge mit Numerus clausus. So entscheidet auch die Abiturnote darüber, wer Lehrer werden kann. Gibt es nach dem Referendariat mehr Bewerber als Stellen, entscheidet die Abschlussnote, wer zuerst einen Platz bekommt. Kritiker wie der Präsident der Freien Universität, der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen, sagen, dass die Fixierung auf die Noten andere Qualitäten eines guten Lehrers einfach ausblendet. Generell sehen Experten eine Gefahr in dem Automatismus, mit dem das Studium letztlich in den Lehrerberuf führe. Dadurch ziehe das Lehramt auch passive Persönlichkeiten an, die den Beruf nur mangels anderer Möglichkeiten wählten und nicht geeignet seien, jeden Tag vor Heranwachsenden zu stehen.

Einen anderen Weg wählt etwa Finnland. Dort werden die zukünftigen Lehrer in einem harten Test ausgelesen. In Gruppeninterviews und Einzelgesprächen werden auch persönliche Merkmale wie Körperhaltung und Motivation untersucht. Ewald Terhart ist aber skeptisch: "Wissenschaftlich gesehen gibt es kein zuverlässiges Verfahren für die Auswahl." Wichtiger sei deshalb, das Berufsbild des Lehrers zu ändern. Zum Lehrerberuf müssten bessere Karrierechancen und höhere Risiken gehören: Wer nicht gut ist, soll auch nicht automatisch besser besoldet werden. Dann würde der Beruf vermutlich auch mehr aktive Persönlichkeiten anziehen, sagt Experte Terhart.

Wie werden Lehrer ausgebildet?

Die Lehrerbildung ist seit vielen Jahren in der Kritik. Gegenüber Lehrern vieler anderer Länder sind die deutschen Pädagogen zwar in ihren Unterrichtsfächern gut ausgebildet. Doch viele Studierende beklagen sich über die Ferne des Uni studiums zur Schulpraxis: Die Studien anteile Fachdidaktik, Erziehungswissenschaft und Psychologie werden häufig als untauglich für den Schulalltag empfunden. Das Studium der Unterrichtsfächer schließlich orientiere sich nicht an den Bedürfnissen angehender Lehrer, sondern an denen des wissenschaftlichen Nachwuchses. Tatsächlich ist die Zahl der Abbrecher der Lehramtsstudierenden gerade in Mathematik und den Naturwissenschaften besonders hoch - mit ein Grund für den Lehrermangel in diesen Fächern. Häufig kritisiert wird auch, das Referendariat stehe kaum im Zusammenhang mit dem Studium. Immerhin: In zwischen bewegt sich langsam etwas. In NRW studieren jetzt zukünftige Grundschul-, Hauptschul- oder Realschullehrer genauso lange wie angehende Gymnasiallehrer. Damit wird die Ausbildung dieser Lehrer zu Recht aufgewertet: Sie haben jetzt genauso lange Zeit, sich auf ihre Aufgaben vorzubereiten wie zukünftige Gymnasiallehrer. Viele Unis bemühen sich, Theorie und Praxis besser zu verzahnen. Die an der Ausbildung beteiligten Fächer werden über Lehrerzentren koordiniert, die zugleich Anlaufstellen für die Studierenden schaffen.

Für die Inhalte der Ausbildung hat die Kultusministerkonferenz seit 2004 länderübergreifende Standards beschlossen, um die Anforderungen an die Ausbildung zu präzisieren. Daraus könnten sich auch praxisnähere Prüfungsformen ergeben, sagt Terhart. So könnte eine Lehramtskandidatin nicht einfach nur auf ihr pädagogisches Wissen befragt werden. Vielmehr könnte sie ihre Urteilskraft anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis unter Beweis stellen. Die neuen Standards ließen sich zwar nicht "per Kommando in die Seminare bringen". Bei der Umstellung auf Bachelor und Master zögen die Unis sie aber zunehmend heran.

Wie gut können Lehrer unterrichten?

Der fachliche Lernfortschritt der Schüler - und damit ihr Platz auf der Pisa-Tabelle - hängt entscheidend vom Unterrichtsstil ihrer Lehrer ab. Das zeigen große Studien wie Pisa oder Coactiv vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Nicht alle deutschen Lehrer sind aber methodisch auf der Höhe. So sind viele Lehrer stark auf das "lehrergesteuerte Unterrichtsgespräch" fixiert: Sie stehen vor der Klasse und versuchen, die Schüler im Dialog auf die "richtige" Antwort zu stoßen. Zu viel Frontalunterricht ist aber nicht nur anstrengend für die Lehrer, die dabei un unterbrochen im Mittelpunkt stehen. Er zwingt die starken Schüler auch aufs Mittelmaß, während er die Schwachen abhängt. Besser ist es, das eigenständige forschende Lernen zu unterstützen und die Schüler dabei individuell zu fördern. Manche Lehrer meinen aber, ihre Klassen seien zu groß für die anspruchsvollen Methoden der individuellen "Binnendifferenzierung": Es sei ihnen nicht möglich, jedem Schüler entsprechend seinem persönlichen Leistungsstand Aufgaben zuzuteilen.

Ewald Terhart hat allerdings eine andere Erklärung dafür, dass oft nicht individuell unterrichtet wird: Junge Lehrer, die noch unsicher sind, ahmen den Unterricht nach, den sie selbst als Schüler kennengelernt haben und den sie bei erfahrenen Kollegen beobachten. Darum sei es auch sinnlos, die Schulen ständig mit gutem Rat "von außen zu beschallen". Die Schulen müssten intern Reformprozesse in Gang bringen, auch mithilfe von Fortbildungen. Allerdings ist das Angebot an guten Fortbildungen viel kleiner als die Nachfrage, kritisieren Lehrerverbände.

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