Bildungspolitik : Blackbox Schule

Warum schneiden deutsche Grundschüler international besser ab als Oberschüler? Die Bildungspolitik bleibt eine Antwort schuldig

Zu den auffälligsten Ergebnissen der vielen internationalen Schuluntersuchungen der letzten Jahre gehört der Befund: „Die im internationalen Vergleich gute Position der deutschen Grundschulen“ geht auf den weiterführenden Schulen in der Sekundarstufe I verloren und „Problemlagen, die bereits in der Grundschule erkennbar sind, verschärfen sich“.

Aus diesem Befund ergibt sich eine brisante Grundsatzfrage an das deutsche Schulsystem: Liegt dieser Leistungseinbruch nur daran, dass die Schüler in den meisten deutschen Ländern bereits nach der vierten Klasse auf die Hauptschule, die Realschule, das Gymnasium oder die Gesamtschule verteilt werden, während sie im Ausland weiter gemeinsam in derselben Schule bleiben? Wenn das so wäre, stünde das mehrgliedrige Schulsystem ernsthaft zur Disposition. Auf diese Frage geben das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz keine Antwort. Oder liegt der Leistungsabfall nur an mangelnder Unterrichtsqualität in den weiterführenden Schulen?

Nach den vielen internationalen Untersuchungen müsste man eigentlich klare Antworten erwarten. Immerhin waren die Befunde auffallend. Ja, sie haben sich wiederholt. Schon die Iglu-Experten stellten fest: Die deutschen Schüler erreichen am Ende der Grundschulzeit in der vierten Klasse im Lesen ein Niveau in der europäischen Spitzengruppe. Aber dann folgt der Einbruch in der Sekundarstufe I. Die 15-jährigen deutschen Schüler fallen bei der Lesekompetenz auf ein Durchschnittsergebnis ab, wie Pisa zeigt. Unter 50 teilnehmenden Staaten kommt Deutschland auf den 18. Platz. „Die Daten unterstreichen, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler in den fünf Jahren vom Ende der Grundschulzeit bis zum Pisa-Testalter (15 Jahre) den internationalen Anschluss verlieren“, schreiben die Experten.

In Mathematik lautet der Befund ähnlich: „Im Anschluss an die Grundschule gelingt es im Unterschied zu anderen Ländern offensichtlich nicht, das positive Leistungspotenzial der Grundschülerinnen und Grundschüler ausreichend weiter zu entwickeln.“ In der mathematischen Kompetenz sinkt das Leistungsniveau der Schüler in der Sekundarstufe I auf den OECD-Durchschnitt. In den Naturwissenschaften dagegen gelingt es eher, das beachtliche Niveau in der Grundschulzeit zu halten. Bei Pisa 2006 erreichten die 15-jährigen Schüler aus Deutschland „erstmals ein Leistungsniveau über dem OECD-Durchschnitt“.

Es gehört seit dem Jahr 2002 zu den gravierendsten Erkenntnissen der internationalen Schuluntersuchungen der OECD, dass es in Deutschland eine auffallend große Risikogruppe in der Größenordnung um 20 Prozent der Schüler gibt. Damit ist der Leistungsabfall von der Grundschule zur Sekundarstufe I keine Bagatelle. Warum ist das Problem in Deutschland so gravierend?

Renate Valtin, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität und führendes Mitglied im deutschen Iglu-Team, hat für den Leistungsabfall nach der Grundschulzeit eine Erklärung, die konservative Schulpolitiker nur ungern zur Kenntnis nehmen: Die Aufteilung der Schüler nach der vierten Klasse in Haupt-, Realschulen und Gymnasien sei verfrüht. Bei dem Ehrgeiz vieler Eltern, ihre Kinder möglichst aufs Gymnasium zu schicken – und das auch möglichst früh –, stelle sich ein Problem: An vielen Gymnasien würden die Kinder nicht mehr gefördert, wenn sie versagen. Sie würden dann zurückgestuft oder auf Haupt- oder Realschulen verwiesen.

Doch während Haupt- und Realschulen in den Bundesländern dabei sind, langsam zusammenzuwachsen, ist an eine Abschaffung des Gymnasiums nicht zu denken. Zu viele Deutsche hängen an dieser Schulform, die in mancherlei Hinsicht auch durchaus viele Erfolge für sich verbuchen kann. Die Hoffnung, der Leistungsabfall zwischen Grundschule und Oberschule könne schnell durch eine große Strukturreform bekämpft werden, ist deshalb illusorisch.

Umso wichtiger ist eine weitere Erklärung, die Valtin für das Absacken der deutschen Schüler auf der Oberstufe gibt. Der Unterricht in Deutschland werde immer noch zu eng im Klassenverband geführt, ohne eine angemessene individuelle Unterstützung für unterschiedlich begabte Schüler zu bieten. In anderen Worten: Die Lehrer an deutschen Oberschulen verstehen weniger von Binnendifferenzierung als ihre Kollegen an den Grundschulen. Diese Meinung wird auch von anderen führenden Erziehungswissenschaftlern vertreten. Die neue Studie, der Humboldt-Universität, wonach Fünft- und Sechstklässler in Berliner Gymnasium besser gefördert werden als in der Grundschule, spricht nicht gegen diesen Befund. Denn bekannt ist durch Pisa auch, dass die Spitzengruppe der 15-Jährigen am Gymnasium unterfordert wird – das Gymnasium orientiert sich stark an Schülern mittleren Niveaus.

Was die deutsche Schule braucht, ist also eine große Unterrichtsreform. Doch diese ist nirgends in Sicht. Denn ohne intensive Fortbildung wird die Mehrheit der Lehrer nicht in der Lage sein, den lange eingeübten Unterrichtsstil völlig zu ändern. Doch die Politik will sich große Fortbildungsprogramme für Lehrer nicht leisten – im Gegenteil, sie spart an dieser Stelle. So werden die Erfolge des großen Bund-Länder-Programms Sinus wohl versanden, weil viele Länder nach der Föderalismusreform nicht mehr mitmachen wollen. Nordrhein-Westfalen und Hessen haben ihre Landesinstitute für Lehrerbildung aufgelöst. Und an den Universitäten wächst die nächste Pädagogengeneration heran, die keine zeitgemäße Ausbildung erhält.

Fehlt Geld für die Lehrerfortbildung, so gilt dies erst recht für die Ganztagsschule. Sie gilt unter den Erziehungswissenschaftlern ebenfalls als wichtige Möglichkeit, die Schüler besser zu fördern. Wegen der hohen Kosten darf aber nicht erwartet werden, dass die deutsche Oberschule bald flächendeckend mit einem qualitativ hochwertigen Nachmittagsprogramm ausgestattet sein wird.

Die Kultusminister bleiben nach allem die Antwort schuldig, wie sie den Leistungsabfall von der Grundschule zur Oberschule angehen wollen. (U.S./akü)

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