Bildungsreform : Die große Ernüchterung

Die Werner-Stephan-Hauptschule hatte sich von der Bildungsreform viel versprochen. Jetzt muss sie mit einer Realschule fusionieren, und nichts klappt wie erhofft. Schon gibt es Angst, erneut „Resterampe“ zu werden.

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Das neue Schuljahr war noch keine drei Tage alt, da hatte Reiner Haag schon das Gefühl, dass da etwas an die Wand zu fahren droht. „Egal, wo man hinfasst, man hat Mist in der Hand“, sagt er, wenn er das Chaos zu beschreiben versucht. Wenn er von heruntergekommenen Klassenräumen spricht, von geflüchteten Lehrern, zu großen Klassen, fehlender Mittagsversorgung und dem Verlust der gesamten technischen Ausstattung. Und dennoch ist Haag der Fels in der Brandung.

Vielleicht ist es nicht fair, das Abenteuer „Sekundarschule“ aus der Sicht einer der besten Hauptschulen der Stadt zu beschreiben. Denn das war Haags Werner-Stephan-Oberschule (WSO). Alle Welt verbindet mit dem Begriff „Hauptschule“ nur das allerschlimmste – und nimmt daher an, dass die Fusion mit einer Realschule das große Los für eine Hauptschule sein müsse. Weshalb jede Art von Eile mehr als berechtigt sei. „Die Hauptschüler können nicht mehr warten“, hatte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) als Devise ausgegeben. Und auch die Bezirke waren ihm mehrheitlich gefolgt. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Eile Spuren hinterlässt.

Bei den bisher bekannt gewordenen Fehlstarts gibt es immer das gleiche Muster: Schulen werden zerrieben zwischen dem Zeitdruck und mangelnder Unterstützung durch die Bezirke. Das zeigt das Beispiel Stephan-Schule. Hier hatte der Tempelhof-Schöneberg zunächst verkündet, die Schule könne aus sich heraus zur Sekundarschule werden, da sie gut aufgestellt sei. Dann sollte plötzlich eine Fusion mit der benachbarten Hugo-Gaudig-Realschule her, um den Unterhalt für ein Gebäude zu sparen und der Senatsforderung nach großen Sekundarschulen zu entsprechen. Als die Gaudig-Schule sich wehrte, musste die Dag-Hammarskjöld- Realschule ran, die im Vorjahr gerade erst einen Teil der abgewickelten Hermann-Köhl-Schule aufnehmen musste.

„Die Realschulkollegen haben Angst“, beschreibt eine der Realschullehrerinnen die aktuelle Gefühlslage. Sabine Peters- Dudenbostel ist die einzige aus dem alten Hammarskjöld-Kollegium im „Team 7“, das jetzt in den vier gemeinsamen siebten Klassen unterrichtet. Die anderen, die mitmachen sollten, haben sich per Versetzung der Fusionsproblematik entzogen.

Es hatte ihnen offenbar nicht behagt, was Reiner Haag und seinen Kollegen vorschwebt. Etwa die Sache mit dem Klassenlehrerprinzip: Während die Realschullehrer sich in erster Linie als Fachlehrer verstehen, die immer nur wenige Stunden in ihren Klassen sind, wollen die Stephan- Lehrer an ihrem erprobten Konzept festhalten. Es folgt der Überzeugung, dass eher schwierige Schüler vor allem über die „Beziehungsebene“ erreicht werden. Nur wenn es ein gutes Klassenklima und eine funktionierende Beziehung zum Klassenlehrer und den Klassenkameraden gibt, sind diese Kinder lernfähig. Der Klassenlehrer soll deshalb in der Klasse präsenter sein als in Realschulen üblich.

Hammarskjöld-Rektor Rainer Hensen betont, dass nicht alle acht Lehrer aus Protest gegen die Fusion gegangen seien. Aber Hensen sagt auch: „Die Kollegen sind nicht sehr glücklich“. Sie seien es nicht gewohnt, mit Hauptschülern oder Behinderten umzugehen. Alles sei auch zu schnell gegangen. Schwer zu sagen, welches Kollegium mehr unter dieser Bezirksentscheidung leidet. Helmut Ruppersberg, der Arbeitskundelehrer aus dem „Team 7“ erzählt von Kolleginnen der WSO, die erstmal „weinend aus der Schule gelaufen sind“.

Dazu muss man wissen, dass die WSO in einem Top-Zustand war und ist. Der langjährige Schulleiter Siegfried Arnz und seine Nachfolgerin Hannelore Weimar hatten es mit Kollegen wie Reiner Haag geschafft, eine der angesehensten Hauptschulen der Stadt auf die Beine zu stellen. So unumstritten war und ist die Schule, dass Arnz als Hauptschulreferent in die Bildungsverwaltung geholt wurde und inzwischen als Referatsleiter den Aufbau der Sekundarschulen verantwortet.

Zum Kern der WSO gehört, dass eine starke Schul- und Klassengemeinschaft als oberstes Ziel und als Bedingung für ein gutes Lernklima angestrebt wird. Seit Jahren werden Schulversprechen ausgehandelt, nicht selten hat Reiner Haag dafür sein Wohnzimmer zur Verfügung gestellt. Teil der Eigenverantwortung der Schüler ist, dass sie mit Hofdiensten für Sauberkeit sorgen. Die Lehrer wiederum haben ihre Klassenräume renoviert. Jeder Klasenraum ist mit Internet ausgestattet.

Vor diesem Hintergrund war der Einstieg an der Hammarskjöld-Schule ein Schock: Im Unterschied zur WSO sind die Klassenräume nicht vernetzt, so dass man nur in den drei PC-Räumen ins Internet kann. Auch der Ordnungsdienst der Schüler scheint nicht so gut zu funktionieren wie an der WSO. An der Schulmauer wuchert zudem Unkraut.

Den größten Schock allerdings erlitten die Kollegen beim Anblick der Arbeitslehreräume: Dicke Staubschichten und uralte Gerätschaften fanden sie dort vor. „Wir mussten mehrere Tage lang putzen“, berichtet Arbeitskundelehrer Ruppersberg, der inzwischen schon den den vierten Bauleiter des Bezirksamtes kennengelernt hat. Rektor Hensen weiß, dass die Räume „nicht im optimalen Zustand waren“. Das komme daher, dass das Fach Arbeitslehre an den Realschulen nicht die selbe Bedeutung wie an Hauptschulen habe.

Während Ruppersberg die Arbeitslehreräume zeigt, hat Haag ganz andere Probleme: Die Schüler sind hungrig. Obwohl die Siebtklässler bis 15.30 Uhr in der Schule sind, gab es anfangs nicht einmal eine Essecke. Haag hat aus dem Baumarkt Stellwände besorgt, damit die provisorische Kantine nicht so ungemütlich ist. Jetzt muss „nur“ noch erreicht werden, dass die Schüler Essensgeld mitbringen.

Keine Frage: Haag will, dass das Vorhaben „Sekundarschule“ gelingt. Das wird jedem klar, der sieht, wie er Unterricht macht, in den Pausen hier und da nach dem Rechten sieht oder mit den Wortführern aus der zehnten Klasse der Hammarskjöld-Schule ins Gespräch kommt. Was man nicht sieht, aber von ihm hören kann, ist aber etwas ganz anderes: Haag sieht die Gefahr, dass einige Sekundarschulen scheiter könnten.

„Hat der Senat eine Antwort darauf gegeben, was mit den schwierigen Schülern wird?“, fragt Haag und lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort „Nein“ lauten muss. Vom dualen Lernen zu sprechen, reiche nicht. Es müssten Konzepte her, aber die Zeit habe nicht gereicht, um sie zu verbreiten. Das gelte auch für das WSO- Konzept: Das Landesinstitut für Schule und Medien will es publik machen, allerdings kann die entsprechende DVD frühestens im November vertrieben werden.

Aber selbst, wenn es gute Konzepte gebe, sei die „Gefahr des Scheiterns“ nicht gebannt, warnt Haag. Ihn alarmiert, dass nachgefragte Sekundarschulen mit Hilfe des neuen Aufnahmeverfahrens sich noch mehr abschotten und weniger nachgefragte Sekundarschulen als „Resterampe“ missbrauchen könnten, wie es Mathematiklehrer Florian Bruns ausdrückt.

Dass die Gefahr real ist, zeigt sich schon jetzt: „ Einige Sekundarschulen schicken schlechtere Schüler einfach weg“, hat Sabine Peters-Dudenbostel von Familien gehört, die dann „heulend“ bei ihnen ankamen. Da diese Familien oft nicht wüssten, dass jede Sekundarschule sehr wohl auch lernbehinderte Schüler aufnehmen muss, haben sie nicht auf ihre Anmeldung bestanden. Die Bildungsverwaltung weiß um diese Gefahr. „Selbstverständlich haben die Schulen die Pflicht, alle Anmeldungen entgegenzunehmen. Wir werden darauf achten, dass dies so umgesetzt wird“, ließ Bildungs-Staatssekretärin Claudia Zinke gestern auf Anfrage wissen. Wie die Verwaltung dies erreichen will, ist allerdings fraglich.

„Irgendjemand muss sich um diese Schüler kümmern“, lautet die Devise von Haag und seinen Mitstreitern. Aber sie wollen dafür akzeptable Rahmenbedingungen. In Klassen mit 24 Kindern werde es jedenfalls schwierig. Das könne nicht nur dazu führen, dass schwache Schüler durchrutschen, sondern auch dazu, „dass die Wohlerzogenen gehen“. Dann hätte man die reine Hauptschule wieder, warnt Haag – nur eben mit größeren Klassen und einem neuen Namen. Und dann wäre man keinen Schritt weiter.

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