Schule : Drei Prozent Freiheit

Fast alle Schulen profitieren von der Personalkostenbudgetierung – doch Bildungssenator Zöllner hat nun Teile der Gelder kassiert

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An die Wand gemalt. Schüler der Paul-SchneiderGrundschule in Lankwitz verschönern ihre Schule
An die Wand gemalt. Schüler der Paul-SchneiderGrundschule in Lankwitz verschönern ihre Schule

Das Märchenstockwerk ist schon fertig, im Unterwasserstockwerk legen die Fünft- und Sechstklässler noch letzte Hand ans Meeresgetier. Dieses Jahr feiert die Paul-Schneider-Grundschule in Lankwitz ihren 100. Geburtstag und präsentiert sich auf den Fluren ihrer drei Etagen so bunt wie noch nie. Einen erheblichen Anteil daran haben die Schulkinder, die Künstlerin Gesine Harries und die Gelder der Personalkostenbudgetierung (PKB) der Senatsbildungsverwaltung.

Personalkostenbudgetierung – ein Wort, das bei Lehrern derzeit heftige Reaktionen auslöst. PKB bedeutet, dass die Schulen Gelder erhalten, die sie für Vertretungen oder Schulprojekte ausgeben können – genau drei Prozent von ihrer festgelegten Personalausstattung. Bisher durften die Schulen nicht ausgegebene Mittel von einem Jahr ins nächste transferieren. Damit jedoch ist jetzt Schluss, weil die Schulverwaltung Finanzlöcher stopfen muss.

Kurz vor den Ferien und nur sehr kurzfristig angekündigt buchte die Verwaltung deshalb einen Teil der PKB-Gelder von den Schulkonten ab und löste damit große Empörung unter den Schulleitern aus. Bisher hielten die meisten von ihnen PKB für eine gute Sache: Endlich konnten sie über einen bestimmten Geldbetrag frei entscheiden. 730 Schulen, also fast alle, hatten sich für PKB entschieden.

Auch die Paul-Schneider-Grundschule zählt dazu: Leiterin Barbara Burkuhl bezeichnet PKB als „sehr, sehr gute Einrichtung.“ Zwar bleibe die Rekrutierung von Vertretungslehrern schwierig. Dafür aber habe die Schule nun einen Etat für Projekte, die sonst nicht finanzierbar wären: Die Schulverschönerung zum 100. Geburtstag etwa konnte so gestemmt werden. Im Rahmen des Kunstunterrichts konnten die Kinder dabei auch mal mit einer echten Künstlerin arbeiten.

Und es konnten weitere Projekte finanziert werden: eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder, die nicht in den Hort gehen, ein zehnwöchiger naturwissenschaftlicher Experimentierkurs für alle Drittklässler und ein Computer-Grundlagenkurs für die Viertklässler. Selbst die von der Schließung bedrohte Theater-AG konnte fortgeführt werden. Wegen der überraschenden Rückforderung der PKB-Überschüsse aus 2009 stehen nun einige Projekte vor dem Aus. „Das war ein ganz schöner Schlag“, sagt Burkuhl. Dennoch bleibe die Hoffnung, dass „das letzte Wort noch nicht gesprochen ist“.

Auch Uta Schröder, Vorsitzende des Schulleiterverbands in der GEW, ärgert sich über den abrupten Kurswechsel der Bildungsverwaltung: „Es muss geklärt werden, wie es weiter geht“, sagt sie. „Wir hoffen auf Ausnahmeregelungen für Schulen, die schon Verträge für das nächste Schulhalbjahr abgeschlossen haben.“

Grundsätzlich empfindet Schröder PKB zwar als „Sahnehäubchen“, weil es „das Erste und Einzige ist, womit der Schulleiter in eigener Verantwortung umgehen kann“. Allerdings gebe es auch Nachteile: „Der Arbeitsaufwand ist immens.“ Und kurzfristige Vertretungen müssten weiterhin anders gelöst werden. Deshalb will der Verband der Schulleiter nun ein Paket mit Forderungen zur Verbesserung des Systems schnüren.

Für die Gewerkschaft GEW war PKB bislang Teufelszeug – eingeführt zur Verschleierung von Sparmaßnahmen und Unterrichtsausfall. Im „Schwarzbuch Personalmittelbudgetierung“ monierte die GEW 2008 zudem die Herabsetzung pädagogischer und sozialer Standards: Viele Vertretungslehrer hätten noch keine abgeschlossene pädagogische Ausbildung. Entsprechend schlecht würden sie bezahlt.

„Die Kritik bleibt“, sagt GEW-Sprecher Peter Sinram – auch wenn sie nicht mehr so zugespitzt vorgetragen wird. „Viele PKB-Mittel werden zweckentfremdet eingesetzt.“ Verträge für Vertretungskräfte würden für ein halbes Jahr oder länger abgeschlossen, um Lücken in der Personalausstattung zu schließen. Die Verwaltung lasse das ungeprüft durchgehen, weil das Reizthema Unterrichtsausfall seit der Einführung von PKB aus den Schlagzeilen verschwunden sei. „Alle schauen sich tief in die Augen und profitieren insgeheim davon“, sagt Sinram. Deshalb bleibe der Protest aus.

Im Haushalt des Landes sind in diesem Jahr 35 Millionen Euro für PKB eingeplant. Die Bildungsverwaltung geht davon aus, dass alle Mittel abgerufen werden. Bis Ende Mai wurden 13,5 Millionen Euro für Vertretungskräfte und 5,2 Millionen Euro für Projekte ausgegeben. Durch PKB falle weniger Unterricht aus, sagt die Bildungsverwaltung – liefert dazu aber keine Zahlen. „Der Unterrichtsausfall ist im Jahr 2009 wie auch im Jahr 2008 so niedrig gewesen wie kaum zuvor“, heißt es.

Die Schulverschönerung an der Paul-Schneider-Schule gilt mit dem Ende des Schuljahrs als abgeschlossen. Ein Jahr lang hat Künstlerin Gesine Harries sechs Stunden in der Woche mit den Grundschülern gearbeitet. Beteiligt waren auch der Förderverein der Schule, der Geld für den Grundanstrich gespendet hatte, und nicht zuletzt die Berliner Feuerwehr. Die hatte gewarnt, dass die Pinnwände an den Flurwänden brandgefährlich seien und besser verschwinden sollten. Nun schwimmen an ihrer Stelle Seesterne und Medusen auf hellblauem Hintergrund.

Für den erkrankten Hausmeister an der Paul-Schneider-Schule ließ sich trotz PKB kein Ersatzmann finden. „Klingeln zwecklos“, warnt ein Schild. „Jetzt müsst ihr euch leider selbst helfen. Es gibt keinen Vertreter.“

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