Schule : „Ein Aufstieg ist möglich“

Start-Geschäftsführer Hasse über Bildungschancen von Migranten.

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Foto: Privat
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Herr Hasse, was will die Start-Stiftung?

Die Start-Stiftung ist ein Stipendienprogramm für junge Migranten in 14 Bundesländern. Wir wollen Bildungsungerechtigkeiten ausgleichen, die durch Herkunft und finanzielle Bedingungen entstehen, und den Blickwinkel auf das Potenzial der jungen Menschen lenken. Und wir möchten den Horizont der Jugendlichen erweitern.

Wer sind die Stipendiaten?

Die Stipendiaten sind engagierte, bildungswillige junge Menschen mit Migrationshintergrund, die wir bis zum Abitur fördern. Häufig sind bereits die Eltern bildungsorientiert, können ihre Kinder aber nicht unterstützen, weil ihnen die Mittel fehlen. Es sind aber auch Bildungsaufsteiger unter den Jugendlichen, deren Eltern überhaupt keinen Bildungsgrad haben.

Wie werden die Jugendlichen gefördert?

Sie werden materiell gefördert und bekommen Laptop, Drucker und Scanner sowie 100 Euro Bildungsgeld. Pro Jahr können sie 700 Euro Zusatzförderung etwa für Klassenfahrten, Bücher oder Büromaterial beantragen. Toll ist auch die inhaltliche Förderung: Die Gruppen gehen ins Museum, in die Oper oder in Ausstellungen. Pro Halbjahr nehmen die Jugendlichen an zwei Wochenendseminaren teil, etwa zu Rhetorik und Persönlichkeitstraining, zu kreativem Schreiben oder Berufsorientierung.

Was bringt das Programm den Jugendlichen?

Wir wecken das Potenzial in den Gruppen, indem wir sie zusammenbringen. Die Jugendlichen bekommen ein Netzwerk: Sie treffen andere Jugendliche, die in einer ähnlichen Situation sind. Sie verstehen sich als Start-Familie, das betonen sie immer wieder, und unterstützen sich, indem sie sich auch privat treffen und etwa Mathe erklären. Viele werden selbstbewusster, weil sie sehen, dass ihr Engagement Anerkennung findet.

Nutzen die Jugendlichen die Möglichkeiten von Start?

Absolut: Mehr als die Hälfte der Stipendiaten kommt nicht von vorneherein aus Gymnasien, trotzdem machen 97 Prozent Abitur, 94 Prozent studieren. Unter unseren Studenten sind Naturwissenschaftler, Ärzte, Mediziner, Wirtschaftswissenschaftler, viele sind im Lehramt oder der Sozialpädagogik engagiert. Die meisten werden auch während ihres Studiums durch Stipendien gefördert. Auf diese Ideen wären ohne Start wenige gekommen.

Gibt es auch gesellschaftliche Aspekte des Programms?

Ganz wichtige. Start gibt den Stipendiaten Einblicke in die deutsche und europäische Gesellschaft, die sie sonst nicht bekommen würden. Außerdem ist durch die Stipendiaten und Alumni – das sind momentan bereits 670 – ein unglaublich großer Schatz an Erfahrung und Wissen vorhanden. Diese jungen Menschen kennen die Wege, die junge Migranten gehen. Darin liegt viel Potenzial.

Welches genau?

Ich erwarte von den Stipendiaten, Vorbilder zu sein. Wir wollen unsererseits Wege aufzeigen und betonen, dass ein Aufstieg möglich ist. Sie wiederum können uns dabei helfen, zu verstehen, wie wir uns aufstellen müssen, um eine vielfältige Gesellschaft zu werden. Wir überlegen, wie wir mit der Alumniarbeit noch mehr bewirken können. Was Migranten betrifft, wird häufig wenig mit denen gesprochen, um die es geht. Aber diese jungen Erwachsenen hier können ihre eigene Situation reflektieren. Ich würde mir wünschen, dass auch die Politik in Austausch mit uns kommt und wir bei der Entwicklung von Zukunftsmodellen zusammenarbeiten – etwa in Fragen der Schulentwicklung oder der Vernetzung der Beteiligten, die für erfolgreiche Schulkarrieren nötig sind.

Das nächste Bewerbungsverfahren beginnt am 1. Februar. Infos unter: www.start-stiftung.de

Robert Hasse, 45, ist der Geschäftsführer der Start-Stiftung. Zuvor war er von 2005 bis 2011 Leiter der Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule in Kreuzberg. Mit Hasse sprach Patricia Hecht.

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