Erzähl-Projekt : Sex and Crime mit Herakles

Das Projekt „Erzählzeit“ bringt Märchen und Mythen in die Schulen - und fesselt sogar Teenager in Brennpunkten.

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Die Spannung steigt. Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums lauschen gebannt der Geschichte von Amphitryon und Alkmene. Foto: Mike Wolff
Die Spannung steigt. Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums lauschen gebannt der Geschichte von Amphitryon und...Foto: Mike Wolff

Alkmene liegt allein im Bett, da – plötzlich! – geht die Tür auf: Vor ihr steht ihr Gatte, der so lange im Krieg war, Amphitryon, schöner und herrlicher denn je. Welche Freude! Mit großen Schritten eilt er zu ihr ins Bett. „Und wie er sie umarmt, eine solche Kraft, eine solche Zärtlichkeit, so hat sie ihn noch nie erlebt! Er hebt sie auf den Flügeln des Glücks so weit empor, dass sie meint zu schweben.“ Wenn Kristin Wardetzky mit einem Leuchten in den Augen von jener Nacht vor dreitausend Jahren erzählt, glauben auch die Zuhörer zu schweben – auch wenn sie erst zwölf, dreizehn Jahre alt und sonst gewöhnt sind, über Liebesdinge ganz anders zu sprechen.

Ahmad, Hamza, René, Fatma und die anderen Siebtklässler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Neukölln jedenfalls hören gebannt zu, als die bald 70-jährige Erzählerin ihnen weiter von den unerhörten Begebenheiten aus mythischer Vorzeit berichtet. Kristin Wardetzky spricht auswendig, insgesamt 90 Minuten lang mit einer kurzen Pause, ihre Gesten und ihre warme Stimme verwandeln das Klassenzimmer in einen antiken Palast. Die Schüler hören, wie Alkmene neun Monate nach der Liebesnacht einen Sohn namens Herakles (römisch Herkules) gebiert, der die Milch aus ihrer Brust förmlich herausbeißt und schon im Säuglingsalter zwei Schlangen zu Tode würgt. Und wie die schöne Griechin schließlich merkt: Der da in der ersten wunderbaren Nacht bei ihr gelegen hat, das war gar nicht Amphitryon, das war der Gottvater Zeus.

Die ganze Zeit über kaum ein Tuscheln, kaum ein Rascheln oder Stühlerücken, stattdessen eine geradezu dankbare Aufmerksamkeit. „Kennt ihr die Geschichte des Herkules?“, hat die emeritierte Professorin der Theaterpädagogik zu Beginn gefragt. „Ja, aus Super RTL!“, ruft Ahmad mit der schwarzen Cap auf dem Kopf zurück. Was das Fernsehen mit bunten Bildern und schnellen Schnitten zeigt, das lockt die Erzählerin mit ihrer Sprache und ihren Gesten hervor. Und erstaunlicherweise: Ihre jahrtausendealte Kunst wirkt noch heute, auch bei der medienversessenen jungen Generation.

„Das glaubt mir in meiner Bekanntschaft niemand, dass die Schüler so lange zuhören können. Und das bei diesem Stoff!“, sagt Klassenlehrer Andreas Dau. Schließlich liegt die Albert-Schweitzer-Schule mitten in Neukölln, am Hermannplatz, fast alle Schüler haben Migrationshintergrund. Kristin Wardetzky schwärmt geradezu von ihnen: „Ich komme sehr gerne hierher. Es herrscht eine freundliche Atmosphäre, und die Kinder nehmen nicht alles als selbstverständlich an.“

Künstlerisches Erzählen in der Schule: Das hat schon Tradition. 2005 initiierte Kristin Wardetzky in der Anna-Lindh-Schule in Wedding das Projekt „Sprachlos“. Zusammen mit der Erzählerin Sabine Kolbe kämpfte sie um Mittel, damit professionelle Erzählerinnen, ausgebildet an der Universität der Künste, regelmäßig in Schulen gehen konnten. Vier Schuljahre lang förderte der Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung das Projekt „Erzählzeit“ unter der Leitung von Sabine Kolbe, zuletzt mit 194 000 Euro. Im letzten Schuljahr waren Erzählerinnen wöchentlich in 18 Grundschulen und sieben Kindergärten mit Märchen aus aller Welt zu Gast, in fünf weiterführenden Schulen erzählten sie Mythen. Im Februar dieses Jahres wurde „Erzählzeit“ im Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ ausgezeichnet. Eine Evaluation des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung IPP bescheinigte dem Projekt eine hohe Wirksamkeit: Vor allem Sprachkompetenz und Konzentration der Schüler verbessern sich.

Die Senatsverwaltung für Bildung möchte das Projekt verstetigen – im Doppelhaushalt 2012/13 sind dafür pro Jahr 170 000 Euro eingestellt. Arne Kohnke, Mercator-Sprachförderlehrer am Albrecht-Schweitzer-Gymnasium, hat die Erzählstunden an seiner Schule miterlebt: „Für uns wäre es ein Traum, wenn es ewig weitergehen würde.“

Die Erfahrung zeigt: Jugendliche lassen sich für Märchen kaum begeistern, aber mythische Stoffe sprechen auch sie an. „Letztlich geht es ja immer um Sex and Crime“, lacht Kristin Wardetzky. Die Siebtklässler haben die Erzählstunden vor- und nachbereitet, griechische Götter gemalt und Raps dazu erfunden. Deswegen wundern sie sich auch nicht mehr, wenn die Herrschaften sich in Stiere verwandeln oder ungeborene Kinder aus ihren Oberschenkeln ziehen.

Mehr Informationen unter www.erzaehlkunst.com und www.erzaehlzeit.de

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