Flüchtlingskinder in Berlin : Der erste Schultag in einer neuen Welt

Flüchtlingskinder haben ein Recht auf Bildung, doch die Umsetzung ist schwer. In Marienfelde können inzwischen alle den Unterricht besuchen.

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Omar aus Serbien und viele andere Flüchtlingskinder werden in Marienfelde unterrichtet.
Omar aus Serbien und viele andere Flüchtlingskinder werden in Marienfelde unterrichtet.Foto: Thilo Rückeis

Sakshi darf jetzt nach Ostern erstmals in die „richtige Schule“ gehen. Die Siebenjährige aus Afghanistan lernt so gut, dass ihre Lehrerin empfohlen hat, sie in eine reguläre Klasse der Kiepert-Grundschule aufzunehmen. Bislang wurde Sakshi mit etwa zwei Dutzend Flüchtlingskindern auf dem Gelände des einstigen Notaufnahmelagers Marienfelde unterrichtet.

Das wurde im Dezember vergangenen Jahres wieder eröffnet, weil immer mehr Asylbewerber nach Berlin kommen. Sie leben in den gleichen Häusern wie einst die DDR-Flüchtlinge und dann die Spätaussiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion. Die Anlage ist gepflegt, es gibt viel Grün und Spielplätze, die beiden Klassenräume für die Grundschulkinder sind fantasie- und liebevoll eingerichtet.

Die Kinder kommen aus Serbien, dem Irak, aus Afghanistan oder Schwarzafrika. Viele haben noch nie eine Schule besucht und sie sprechen fast kein Deutsch. Doch sie lernen schnell: „T-Tiger, S-Sonne, A-Affe“ wiederholen sie immer wieder. Dann formen sie die Buchstaben aus grüner, blauer und roter Knetmasse oder malen sie in der Pause mit bunter Kreide auf die Gehwegplatten – der kleine Omer aus Serbien ist Feuer und Flamme.

Und auch sein Bruder Bosko kann seine Aufregung nicht verbergen. Schließlich soll der 15-Jährige, dessen dunkelbraune Locken keck unter dem Basecap hervorlugen, jetzt auch zur Schule gehen – das erste Mal, seit seine Eltern vor einigen Monaten für sich und ihre drei Kinder um Asyl in Deutschland baten. Sie seien Roma und hätten in ihrer Heimat Serbien kaum eine Chance, sagt Boskos Vater und erzählt von Armutssiedlungen, die jederzeit geräumt werden können, von Rassismus und Arbeitslosigkeit. Dann packt er die Bescheinigung über die ärztliche Untersuchung von Bosko ein und verlässt mit seinem Sohn die Wohnung.

Es ist 7.20 Uhr, die Sonne scheint bereits und überall öffnen sich die Fenster. Väter, Mütter, ältere Geschwister oder einfach nur Freunde rufen den Schulkindern gute Wünsche hinterher. Denn mit Bosko gehen heute noch fünf weitere Flüchtlingskinder im Alter zwischen 14 und 16 Jahren das erste Mal zum Unterricht: zwei Brüder aus dem Irak, ein Junge aus Serbien, ein anderer aus Mazedonien, auch ein Mädchen aus Tschetschenien. „Wir haben viele Wochen dafür gekämpft“, sagt Uta Sternal vom Internationalen Bund (IB), der das Flüchtlingsheim betreibt.

270 Menschen leben hier – darunter viele Kinder – und monatelang tat sich nichts in Sachen Schulbesuch. Dabei haben Flüchtlingskinder laut UN-Menschenrechtskonvention ein Recht auf Bildung – auch dann, wenn sie wahrscheinlich kein Asyl bekommen. Aber viele Schulen in Berlin lehnten die Flüchtlingskinder ab, weil sie schon durch andere Kinder mit Migrationshintergrund und daraus resultierenden Sprachproblemen vor personellen Problemen standen.

„Es ist ja nicht einfach – wie wollen Sie einen 11-Jährigen, der weder Deutsch spricht noch in seiner Muttersprache das Alphabet kennt, in normalen Unterricht integrieren?“, fragt Rainer Bonne, Leiter der Kiepert-Grundschule: „In seiner Jahrgangsstufe hat er keine Chance und für die erste Klasse ist er viel zu alt.“

Es bedurfte vieler Aktionen des Flüchtlingsrats sowie des Engagements von Privatpersonen, bis die Senatsbildungsverwaltung kürzlich bekannt gab, dass sie mehr Stellen für Förderklassen finanziere. Das bedeute aber nicht, dass jede Schule auch bereit sei, Kinder von Asylbewerbern zu unterrichten, sagt Sascha Tomovski, ein Asylbewerber aus Mazedonien. „Kein Platz, kein Platz“ habe er stets zu hören bekommen, als er für seine 14-jährige Tochter Zorica eine Schule suchte. „Letztlich haben wir mit dem Flüchtlingsrat vor ein paar Wochen für Zorica und ein weiteres Mädchen den Schulplatz mithilfe einer Rechtsanwältin eingeklagt“, sagt Uta Sternal: „Nur deshalb können jetzt Bosko und die anderen zur Teske-Sekundarschule gehen.“

Die liegt zwei Bus- und drei S-Bahnstationen entfernt, deshalb begleitet Sascha Tomovski die Kinder an ihrem ersten Schultag. Er kennt die Situation, ist selbst als kleiner Junge mit seinen Eltern während des Jugoslawienkrieges aus Mazedonien nach Mannheim geflohen. Als sie zwölf Jahre später zurückkehrten, war ihr Sohn ein Deutscher geworden, der in Mazedonien nicht mehr zurechtkam.

„Ich habe es versucht“, sagt Sascha Tomovski in perfektem Deutsch. „Aber es ging nicht.“ Vor einigen Wochen ist er mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Berlin gekommen, sein Asylverfahren läuft. Er hilft im Flüchtlingslager, wann immer etwas zu übersetzen ist.

Nach einer Stunde wiederholen Bosko und die anderen eifrig die ersten Sätze, die ihnen ihre Lehrerin beigebracht hat: „Ich fahre mit der S-Bahn zur Schule“, „Ich lese“, „Ich höre zu“. Zwei Förderkurse hat die Teske-Schule eingerichtet. „Ich unterrichte gern Flüchtlingskinder, sie sind sehr motiviert“, sagt die Lehrerin.

Zorica Tomovski, die nur einige Wochen länger zur Schule geht, kann inzwischen schon ihrer kleinen Schwester Sarita helfen, die noch in der provisorischen Grundschule auf dem Gelände des Übergangswohnheims unterrichtet wird. Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat kritisiert das, spricht von Ghettoisierung. Der Flüchtlingsrat befürchtet, dass die Kinder nur noch in den Sammelunterkünften unterrichtet werden. „Die Kinder können sich nur an richtigen Schulen integrieren – wenn sie im Lager bleiben, ist das schlecht möglich“, sagt er.

„Wenn sie dort dem Unterricht nicht folgen können, sind sie auch ausgegrenzt“, hält Rainer Bonne, Leiter der Kiepert-Grundschule, dagegen. Uta Sternal vom Internationalen Bund gibt ihm Recht: „Erst einmal können die Kinder lernen. Das ist so wichtig für sie und ihre Familien. Herr Bonne hat dafür gesorgt, dass die Flüchtlingskinder überhaupt zur Schule gehen konnten und sie in den ersten Wochen, als er noch keine zusätzlichen Lehrer hatte, selbst unterrichtet.“

Rainer Bonne hat auch Eltern seiner Grundschulkinder dafür gewonnen, ehrenamtlich bei der Betreuung der Flüchtlingskinder zu helfen. Und er sorgt dafür, dass Sarita, Omer und die anderen schon jetzt den Musikunterricht an der „richtigen Schule“ besuchen. So lange, bis sie wie die kleine Sakshi aus Afghanistan am regulären Unterricht teilnehmen können.

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