Isharegossip : Schüler sabotieren Internet-Mobbingseite

Jetzt werden Betroffene selbst aktiv: Mit gemeinsamen Netz-Aktionen machen sie die Hassplattform Isharegossip unlesbar. Das Opfer des brutalen Angriffs vom Sonnabend wurde inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen.

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Augen auf im Netz. Schüler sagen dem Mobbing auf der Website „Isharegossip“ den Kampf an und versuchen, beleidigende Beiträge aus den Foren zu verdrängen.
Augen auf im Netz. Schüler sagen dem Mobbing auf der Website „Isharegossip“ den Kampf an und versuchen, beleidigende Beiträge aus...Montage: dapd/Sinkel

„Eure Unterschrift gegen Cybermobbing, gegen Isharegossip!“ So steht es auf dem Flyer, den das Schülersprecherteam der Humboldt-Oberschule in Reinickendorf entworfen hat. Er ruft zum Boykott der Hassplattform auf: „Wir müssen ihr die Luft zum Atmen rauben. Wenn die Niveaulosigkeiten dort nicht mehr beachtet werden, dann wird auch der Strom der Beiträge abklingen und wir haben unser Ziel erreicht“, heißt es unter anderem in dem Papier.

Nicht die Lehrerschaft, sondern das vierköpfige Schülersprecherteam sei auf die Boykott-Idee gekommen, sagt Simon Hertling (17). „Isharegossip lebt von seiner Aufmerksamkeit. Deshalb muss die Seite ein negatives Image bekommen. Dann haben Schüler keine Lust mehr drauf.“ Rationale Gründe alleine nützten bei jungen Menschen in der Pubertät nicht, um sie von Verbotenem abzuhalten. „Deshalb versuchen wir ein Gemeinschaftsgefühl gegen Mobbing zu schaffen“, sagt Lucia Wilke (18).

Der Text auf ihrem Flyer ist eine kraftvolle Rede in Jugendsprache. Das Ziel: aufrütteln, aufklären, den Kampfgeist der Schüler wecken, aber sie auch in die Gefühlswelt eines Mobbingopfers hineinversetzen. Weil das Sprecherteam nicht in alle Klassen gehen könne, soll der Text von den Klassenlehrern in einem „angemessenen Ton“ vorgetragen werden. „Gleichzeitig sind wir uns der Gefahr bewusst, dass wir dadurch auch viel Aufmerksamkeit auf die Seite lenken und sie eventuell sogar attraktiver machen“, sagt Hertling. Doch sei es einfach wichtig, beispielsweise auch Fünftklässler verständlich darüber aufzuklären. Parallel dazu hätten die Informatiklehrer die Seite auf allen Schulcomputern gesperrt, sagt Schulleiter Bernd Kokavecz. „In einem Brief an die Lehrer habe ich darum gebeten, dass sie das Thema im Unterricht problematisieren.“

Auch andere Schulen wehren sich gegen die Internet-Mobberei. Nach massiven Kommentaren auf „Isharegossip“ beschloss neben anderen Schulen auch die Schülervertretung des Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums, die Seite mit unnützen Inhalten aus Wikipedia zuzumüllen: Artikel über Gemüse statt Gossip, lange Matheformeln und Abkürzungserklärungen. „Das Ziel war es, die Lästerartikel nach unten zu verdrängen, was ganz gut geklappt hat“, sagt Schulsprecher Tobias Wöhner. Die Seite lasse nur 50 Einträge pro Schule zu, und vollgestopft mit blödsinnigen Inhalten sei sie völlig unübersichtlich. Parallel dazu seien jeweils zwei Schüler aus der Sekundarstufe durch die achten bis zehnten Klassen gezogen, hätten einen kurzen Film über Cybermobbing gezeigt, im Anschluss das Befinden der Schüler besprochen und dann auf das Thema „Isharegossip“ gelenkt. „Unser Hauptanliegen war dabei nicht nur die Aufklärung, wir wollten vor allem auch den Betroffenen den Rücken stärken und zeigen, dass nicht die ganze Schule über sie lacht“, sagt der 16-Jährige.

Was können Schüler gegen „Isharegossip“ tun? Darüber will nun auch die Berliner Anwaltschaft aufklären. „Es reicht nicht aus, die Seite auf den Index zu setzen und sie so schwerer auffindbar zu machen“, sagt der Vorsitzende des Berliner Anwaltsvereins, Ulrich Schellenberg. Betroffene Schüler, die sich nicht selbst zu helfen wissen, können in die Jugendberatungsstelle des Berliner Anwaltsvereins kommen, wo sie kostenlosen Rechtsrat erhalten. Zudem bietet die Stelle im Rahmen des Projektes „Anwälte gehen in die Schule“ auch entsprechende Beratung an Schulen an. Am Paulsen-Gymnasium in Steglitz hat Rechtsanwalt German von Blumenthal bereits eine solche Stunde durchgeführt. Eine Beratung mit Folgen: Gemeinsam mit der Schülervertretung berichtet ein ehemaliger „Isharegossip“-Mobber in den verschiedenen Klassen davon, dass er das Foto einer Klassenkameradin hochgeladen hat und wie er heute dazu steht.

„Es ist wichtig, über die Vorfälle im realen Leben zu reden und zu zeigen, dass Cybermobbing kein Spaß ist“, sagt Mai Riemer von der Humboldt-Oberschule. Die Schülervertretung hoffe darauf, dass möglichst viele das Boykottpapier unterschreiben und gemeinsam klarstellen, was sie im Flyer festgehalten haben: „Nämlich, dass wir Mitglieder einer Schule ohne Rassismus und mit Courage sind“, sagt Riemer.

Was die Schüler glauben, warum „Isharegossip“ vor allem an Gymnasien in Berlin auf so hohe Resonanz stößt? „Eigentlich sind wir gut erzogen und wissen, was sich gehört. Ich kann mich nicht erinnern, dass es hier je eine Schlägerei an der Schule gab. Aber ,Isharegossip‘ gibt nun jedem die Möglichkeit, mal den Teufel raushängen zu lassen“, sagt Wilke.

Unterdessen wurde das Opfer des brutalen Angriffs vom Sonnabend aus dem Krankenhaus entlassen. Wie berichtet, war der 17-Jährige von rund 20 Jugendlichen bewusstlos geprügelt worden, weil er seiner Freundin helfen wollte, die auf „Isharegossip“ beleidigt worden war. Doch anders als bei den üblichen, anonymen Kommentaren hatte sich in diesem Fall ein mehrtägiger Streit zwischen der Schülerin einer Sekundarschule und verschiedenen Mädchenparteien entwickelt. Die Täter konnten gefasst werden, bleiben aber bis zur Gerichtsverhandlung auf freiem Fuß. „Die Richter haben den Antrag auf Untersuchungshaft abgelehnt“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner.

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