Kreatives Schreiben : „Seid auch mal brutal zu euren Figuren!“

zumindest an der Zehlendorfer Kennedy-Schule

Dorothee Nolte

Tot ist tot. Oder? Christina ist sich da nicht so sicher. „Kann man aus der Perspektive eines Toten erzählen?“, fragt sie. Sie habe da so eine Geschichte im Kopf, in der ein Mann erschossen wird und seinen eigenen Tod beschreibt … Lisa Kuppler wiegt den Kopf. „Das ist ein schwieriger Kunstgriff, da würde ich abraten“, sagt die Krimilektorin und Ghostwriterin. In dem kleinen Unterrichtsraum an der Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Schule dreht sich alles um Fantasien und wie man sie am besten erzählt: Hier treffen sich die Schüler des Wahlpflichtfachs „Kreatives Schreiben“.

Zur „literarischen Konfliktberatung“ haben die zwei Dozenten, Lisa Kuppler und Krimiautor Carlo Feber, heute geladen. Die Neuntklässler sollen eine Geschichte, die sie planen, in wenigen Sätzen umreißen und erhalten ein Feedback und Tipps: Erzählt nicht am Anfang so viel Biografisches über die Figur, lasst sie lieber handeln! Habt keine Angst, euren Figuren wehzutun – als Autor muss man auch brutal sein! „Wir versuchen, nicht zu stark einzugreifen“, sagt Feber: „Die Schüler sollen ja ihre eigenen Geschichten erzählen, nicht unsere.“ Kreatives Schreiben als Wahlpflichtfach mit Noten, angeleitet von professionellen Autoren – das ist neu in Berlin.

Angefangen hat alles vor gut einem Jahr, als Deutschlehrer Helge Martens im Rahmen des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs am Fortbildungsseminar „Spannend erzählen“ teilnahm. Einer der Dozenten war Carlo Feber, und Helge Martens engagierte den Krimiautor vom Fleck weg, seinen Vortrag über den Spannungsbogen auch an seiner Schule zu halten. „Mich fasziniert dieser Gedanke, dass man das Handwerk des Schreibens erlernen kann – in Deutschland haben wir ja eher die Tradition, dass das Genie vom Himmel fällt“, sagt Martens. Mit einer achten Klasse gewann er einen Preis im Erzählwettbewerb – und entwickelte zusammen mit Carlo Feber und Lisa Kuppler die Idee, „Kreatives Schreiben“ als Wahlpflichtfach anzubieten.

Feber und Kuppler arbeiteten ihr Curriculum, das sie schon seit fünf Jahren bei Krimiseminaren in deutschen Literaturhäusern und als Onlineworkshops anbieten, so um, dass es auf die Bedürfnisse von 14-/15-Jährigen passt. Sieben „Module“ haben sie entwickelt: „Figuren“ heißt eins davon, „Atmosphäre“, „Konflikt“, „Perspektive“ – welche Figuren interessieren den Leser und warum? Was macht eine Geschichte spannend? Und zuletzt: Wie trägt man die fertige Geschichte so vor, dass die Zuhörer gerne folgen? Etwa einmal im Monat kommen die beiden Profidozenten in die Schule und halten einen Einführungsvortrag; die restlichen Stunden – insgesamt drei pro Woche – bestreitet Deutschlehrer Helge Martens mit Übungen, die sich in den Krimiseminaren bewährt haben.

Ein gutes Curriculum allein reicht aber nicht, um ein neues Fach zu etablieren. Die Schulleitung hat das Projekt von Beginn an unterstützt, und der Förderverein steuerte einen Teil des notwendigen Geldes bei – denn Freiberufler wie Feber und Kuppler müssen ja auch bezahlt werden. „Wir sind ja eine deutsch-amerikanische Schule, und viele unserer Lehrer und Eltern kennen creative writing aus den USA“, sagt Helge Martens.

Er hofft, dass auch andere Schulen kreatives Schreiben einführen. Dann könnten mehrere Schulen zusammen Wettbewerbe veranstalten – ähnlich wie beim Tagesspiegel-Erzählwettbewerb. „Feste“ lautet dessen Thema in diesem Jahr, und die Schüler haben sich schon Gedanken dazu gemacht: In Tias Wettbewerbsbeitrag soll es um Zwillingsschwestern gehen, von denen eine langsam verrückt wird und immer wieder eine bestimmte Melodie zu hören glaubt. Eines Tages gehen die Schwestern zu einem Fest, und tatsächlich erklingt dort die gefürchtete Melodie … Und dann? „Weiß ich noch nicht!“

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