Kurz vor ACHT : Ein guter Grund zum Feiern

Die Eltern wundern sich. Geschämt hätte man sich früher, mit Eltern gemeinsam auf einer Fete aufzutauchen; geschweige denn zu einem Abiturball zu gehen. Andere Zeiten, andere Verhältnisse.

Gerd Nowakowski

Die Eltern wundern sich. Geschämt hätte man sich früher, mit Eltern gemeinsam auf einer Fete aufzutauchen; geschweige denn zu einem Abiturball zu gehen. Andere Zeiten, andere Verhältnisse. Es zeigt, wie sich Familie gewandelt hat und wie unbeschwert die Kinder die früher so verminte Generationenfrage erleben. Damals, so erzählen die Eltern, die am runden Tisch im Ballsaal sitzen, gab es beim Abitur keinen festlichen Rahmen. Da holte man das Zeugnis ganz profan bei der Schulsekretärin ab: kein Festakt in der Aula, kein Rektoren-Handshake, Reden und Schulorchester, kein Abiball.

Nun wird das alles festlicher begangen – richtig so. Schließlich haben die Schüler hart gearbeitet für das Reifezeugnis. Gefeiert wurde am vergangenen Wochenende in vielen Festsälen dieser Stadt; auch in diesem aufgehübschten Saal in Moabit, der sich im Industriegebiet hinter einem kargen Treppenaufgang verbirgt. Zu anderen Zeiten, so lassen arabische Schriftzeichen an den Wänden vermuten, finden unter der Stuck kaschierten Betondecke türkische oder arabische Hochzeiten statt.

So sitzen also die Eltern mit ihren Kindern zusammen, diesen so erwachsen gewordenen jungen Menschen. Da gibt es viel Prosecco und Gelegenheit, beim Blättern im Abi-Buch noch einmal zu lästern über die Mitschüler und die Lehrer. Und während die Ballkönigin gewählt wird, ärgern sich andere, dass sie nur auf dem Spitzenplatz der Rubrik „Zicke des Jahres“ gelandet sind oder für ihre Leistungen in der Sparte „beste Ausreden beim Zuspätkommen“ geehrt werden.

Stolz dürfen alle Eltern sein über ihre Kinder, die in großer Robe oder schwarzem Anzug ein prächtiges Bild abgeben. Ja, so will man seine Kinder erleben: selbstbewusst und neugierig auf das, was nach der Schule auf sie zukommt. Und dass sie gut im Trinktraining sind nach der Abireise nach Spanien, das zeigt sich nach Mitternacht; nicht nur an den unanständigen Liedern, die angestimmt werden. Da wissen die Eltern, dass es Zeit für sie ist, zu gehen. Gerd Nowakowski

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