Lehrerin neu in Berlin : „Ich will nicht zurück nach Bayern“

Susanne Löhlein kam nach Berlin, weil es in Bayern keine Lehrerstellen gab. Im Interview erzählt sie , warum sie hier bleibt - und von der Facebook-Gruppe „Bayrische Lehrer erobern Berlin“.

Lehrerin Susanne Löhlein.
Lehrerin Susanne Löhlein.Foto: Björn Kietzmann

Susanne Löhlein, 29, hat ihr Referendariat in Bayern absolviert - als Oberschullehrerin für Englisch und Spanisch. Im Februar 2014 kam sie nach Berlin, weil es in Bayern keine freien Lehrerstellen gab. Seither begleitet der Tagesspiegel sie auf ihren wechselnden Schulstationen.

Im Februar 2014 saßen Sie frisch eingetroffen in Wilmersdorf zwischen ihren Umzugskisten und wollten im Sommer 2015 zurück nach Bayern. Wie sieht’s aus damit?

Ich will nicht mehr zurück. Diese Gewissheit hat sich langsam entwickelt. Seit Weihnachten ist mir klar geworden, dass ich in Berlin heimisch geworden bin.

Wie kam das so schnell?

Das Wichtigste ist wohl, dass ich mich hier unheimlich frei fühle und dass das kulturelle Angebot so groß ist. Berlin ist eine wahnsinnig tolle Stadt.

Und wenn aus Bayern ein Angebot käme?

Ich würde trotzdem nicht zurückgehen.

Aber aus Berliner Sicht wirken die bayerischen Schulen paradiesisch.

So heil ist die Welt in Bayern auch nicht. Die Schulen sind zwar besser ausgestattet. Aber entscheidend ist die Pädagogik, und die steht und fällt mit dem Schulleiter. Im Grunde ist es egal, wo man unterrichtet, wenn Leiter und Schule gut sind.

Sehen das andere Lehrer aus Bayern auch so, die gezwungenermaßen in Berlin sind?

Viele sehen das so und versuchen deswegen, in Berlin anzukommen. Das kann man zum Beispiel auf Facebook beobachten. Da gibt es inzwischen die Gruppe „Bayrische Lehrer erobern Berlin“. Sie treffen sich ab und zu, helfen sich gegenseitig beim Umzug und geben sich Tipps im Umgang mit der Berliner Schulverwaltung. Es hat dort sogar schon ein Pärchen zusammengefunden.

In Bayern haben Ihnen Ihre Schüler die Tür aufgehalten. Wie unterscheiden sich die Schüler hier und dort?

Große Unterschiede gibt es nicht. Ich war ein Jahr an einem Spandauer Gymnasium, wo die Schüler auch sehr zuvorkommend und höflich waren. Disziplinarische Probleme hatte ich dort kaum. Für mich war das ein Stück heile Welt. Leider konnte ich dort nicht bleiben.

Wie geht die Schulbehörde denn mit den Lehrern um, die angeworben wurden?

Im Großen und Ganzen gut. Dass sich nicht alle Wünsche realisieren lassen, ist verständlich. Viele Studienräte würden gerne wieder an der Schulform unterrichten, für die sie ausgebildet sind, aber es gibt einfach nicht so einen hohen Bedarf an Oberschulen. Ich persönlich habe mit den Schulbehörden leider sehr unterschiedliche Erfahrungen machen müssen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Auch Sie haben zunächst an einer Grundschule gearbeitet. Wir haben Sie vor einem Jahr dort besucht. Als Lehrerin für Englisch und Spanisch sollten Sie in der Willkommensklasse Deutsch unterrichten.

Sprachen unterrichten kann ich. Allerdings bräuchte man unbedingt auch Psychologen, weil viele Kinder traumatisiert sind. Ich hatte Kinder aus Syrien, Afghanistan, Bosnien, Ägypten. Wenn man sich die Nachrichten anschaut, weiß man, was diese Kinder durchgemacht haben.

Seither hat sich die Zahl der Flüchtlingskinder in Berlin verdoppelt. Sind die Schulen dieser Aufgabe gewachsen?

Ja, viele Lehrer und Helfer sind sehr engagiert. Die Schulen können das hinkriegen, es fehlt aber oft an Personal und den nötigen Materialien.

Und wie heißt Ihre dritte Berliner Station – nach der Grundschule und dem Spandauer Gymnasium?

Ich wirke jetzt an der Lichtenberger Gemeinschaftsschule Grüner Campus Malchow daran mit, die gymnasiale Oberstufe aufzubauen.

Haben Sie noch ein paar Tipps zum Eingewöhnen für Neulehrer?

Erst mal sollte man sich auf andere Schulformen einlassen: Das ist vielleicht anders als das, was man kennt, aber es ist okay. Nicht immer mit daheim vergleichen. Und dann: Viel unternehmen und die Kultur genießen. Und am Wochenende rausfahren: zum Zelten in die Uckermark, an den Liepnitzsee oder die Ostsee.

Die Fragen stellte Susanne Vieth-Entus

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