Meinung : Wir brauchen eine Schule für alle!

Das gegliederte Schulsystem ist nicht wettbewerbsfähig. Es ist weder leistungsfähig noch gerecht. Nirgendwo sonst ist der Erfolg in der Schule derart abhängig von der Herkunft.

Robert Giese,Lothar Sack

Die Schule für alle, egal, wie sie heißt, folgt der Idee, dass nur eine gemeinsame Schule für alle Kinder einer demokratischen Gesellschaft angemessen ist, dass nur so die Idee der Chancengleichheit realisierbar ist, dass nur so handelnd gelernt werden kann, mit der Verschiedenheit der Menschen konstruktiv umzugehen. Viele in unserem Land sahen bisher diesen Zusammenhang nicht oder fanden ihn nicht wichtig und setzten ihre Prioritäten anders. Der Glaube, dass nur Unterricht in Gruppen von Gymnasiasten, Realschülern, Hauptschülern, Sonderschülern zu guten Ergebnissen führe, kommt einem religiösen Dogma nahe. Dieses Festhalten an der Ständeschule des Kaiserreiches unterscheidet uns von den meisten europäischen Nachbarn.

Dass unser Schulsystem dabei weder besonders leistungsfähig noch gerecht ist, zeigen vielfältige nationale und internationale Untersuchungen. Sie zeigen sogar, dass die Gruppe der Schüler, die besonders wenig lernen, bei uns besonders groß ist und dass nirgendwo in den Industriestaaten der Schulerfolg stärker von der Herkunft abhängig ist.

 Für die absehbare wirtschaftliche Entwicklung bringt unser Bildungssystem nicht genügend Jugendliche zu höheren Bildungsabschlüssen. „Wenn man berücksichtigt, dass künftig geburtenschwache Jahrgänge die Schule verlassen, wird Deutschland den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können“, sagt die OECD in ihrem Bericht „Education at a Glance 2006“. Für die vielen Minderqualifizierten wird es nicht ausreichend Arbeitsplätze geben. Mittlerweile ist unsere Schule zu einem Risikofaktor für die wirtschaftliche Prosperität, ja zu einem Armutsfaktor geworden.

Genauer: In Deutschland erlangen knapp 40 Prozent der Schüler eine Berechtigung zum Hochschulstudium. Damit belegt Deutschland den drittletzten Platz der OECD. Mexiko und die Schweiz kommen auf weniger, die Spitzenreiter Irland, Israel, Finnland, Polen und Schweden erreichen 80 bis 90 Prozent. Der Verdacht, dass diese Ergebnisse mit einem geringeren Niveau erkauft sind, wird durch Studien wie TIMSS und Pisa widerlegt.

Qualität und Struktur zusammen denken

Man mache sich Folgendes klar: Um zur Spitze aufzuschließen, müssten bei uns alle Schüler des Gymnasiums (einschließlich der rund 30 Prozent, die es heute aus Leistungsgründen verlassen müssen), alle Realschüler, ein großer Teil der Hauptschüler und alle Gesamtschüler ein Abitur machen. Glauben Sie, dass dies mit dem gegliederten Schulsystem gelingt? Und wenn es gelänge, hätten wir kein gegliedertes System mehr! Qualität und Struktur des Schulsystems sind auf enge Weise verkoppelt.

 Damit man einen so großen Anteil hoher Qualifikation erreicht, muss sich die Schule von Anfang an um jeden Einzelnen kümmern, so wie er da ist. Wir können Kinder und Jugendliche schließlich nicht umtauschen. Wir brauchen also eine Pädagogik, die jedes Kind, jeden Jugendlichen anerkennt, wertschätzt, respektiert, unterstützt und bestärkt, nicht beschämt oder demütigt. Eine Pädagogik, die in jedem Kind eine Hochbegabung vermutet und ihm hohe Leistungen zutraut. Wie verträgt sich aber diese Pädagogik mit Sitzenlassen, Probehalbjahr, Abschulen, Abstufen im leistungsdifferenzierten Unterricht oder mit Bemerkungen wie, dass ein Schüler „hier wohl nicht hingehört“?

Wir brauchen eine Schule, in der genau das nicht stattfindet. Als Konsequenz darf es keine ungleichwertigen Bildungsgänge und erst recht keine ungleichwertigen Schularten geben. Eine anerkennende Pädagogik muss das Lernen des einzelnen Schülers in den Vordergrund stellen. Lernerfolg entsteht nur, wenn jeder Schüler die Möglichkeit der selbstständigen, aktiven Auseinandersetzung mit den Gegenständen hat in einer Atmosphäre, die ihn ermutigt und in der Lernfreude und Leistungswille entstehen. Dafür müssen individuelle Lernwege zugelassen werden. Das Unterrichten und Belehren als Tätigkeit des Lehrers muss zurücktreten zugunsten seiner Tätigkeit als Lernbegleiter, Lernberater und Gestalter von Lernmöglichkeiten. Mit der Wahl des Verbs – lernen oder unterrichten – rücken wir das jeweilige Subjekt – Schüler oder Lehrer – in den Blickpunkt. Wir müssen uns mehr um die Tätigkeit des Schülers, das Lernen kümmern. Also mehr Lernen und weniger Unterricht. Übrigens, als eine Konsequenz dieses Paradigmenwechsels sollten wir den Lernausfall zum Skandal erklären – auch den mit Anwesenheit des Lehrers –, weniger den Unterrichtsausfall.

Vorbilder braucht man nicht im Ausland suchen

 Es gibt in Deutschland Schulen, die diese Pädagogik vorbildlich praktizieren, etwa die Preisträger des deutschen Schulpreises; sie erzielen überdurchschnittliche Ergebnisse, und keine von ihnen sortiert die Schüler in Gymnasiasten, Realschüler usw. Viele der Schulen, die niemanden als „ungeeignet“ an andere Schularten abgeben können oder wollen, haben sich längst auf den Weg gemacht und entwickeln eine Pädagogik der Anerkennung. Die Diskussion um die Gemeinschaftsschule bietet die Chance des notwendigen Umdenkens und Umsteuerns. Es ist an der Zeit, dass sich alle Schulen – und hier sind zuvorderst die Gymnasien aufgefordert – auf die Verschiedenheit der Menschen einlassen und lernen, damit konstruktiv umzugehen; auch sie müssen letztlich den Schritt zur Gemeinschaftsschule gehen. Anders werden wir Gerechtigkeit und Qualität in unserem Schulsystem nicht nachhaltig verbessern. Es gibt viel zu tun, packen wir es an!

Lothar Sack ist Vizevorsitzender des Gesamtschulverbands. Er leitete von 1992 bis 2006 die Fritz-Karsen-Schule in Neukölln. Robert Giese ist sein Nachfolger als Schulleiter. Bis 22. Juni können Schulen ihr Interesse bekunden, Gemeinschaftsschule zu werden. Die Anmeldephase für verbindliche Bewerbungen läuft bis 30. September.

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