Physik : Wider die Trägheit

In einem Patenprojekt begeistern pensionierte Ingenieure und Wissenschaftler Schüler für Physik.

Katja Gartz

Artur Jabs krempelt die Ärmel seines Hemds hoch und streicht seine weißen Haare zurück. Bereit für den ersten Versuch, greift er eine Glasflasche, legt einen Korken in den Flaschenhals, hält sie waagerecht vor den Mund und pustet. Statt in der Flasche landet der Korken auf seiner Nase und fällt zu Boden. Erkan und seine Mitschüler lachen. „Es kann doch nicht so schwer sein, den Korken in die Flasche zu pusten“, meint Erkan und legt los. Doch er schafft es ebenfalls nicht. Jetzt ist Klassenlehrerin Gundula Glaß an der Reihe, aber auch sie kann sich nicht gegen den Überdruck durchsetzen, der in der Flasche entsteht und den Korken zurückwirft.

Rainer Riedrich, der gemeinsam mit Artur Jabs die Stunde leitet, will jetzt wissen, ob einer der Schüler die Lösung kennt. Monika hat eine Idee. Sie nimmt einen Strohhalm, pustet und schafft es. Die anderen staunen. „Der Korken geht in die Flasche, weil Luft entweichen kann“, erklärt der zehnjährige Jousef. Nach einem Abstecher in den Themenblock Luft ist Kraft das Thema der Doppelstunde. In ihrer Freizeit haben Riedrich und Jabs verschiedene Versuche entwickelt, die Muskel-, Schwer-, Flieh- und Trägheitskraft sowie Ober- und Unterdruck veranschaulichen. „Es macht Freude, Kindern etwas beizubringen und zu sehen, dass sie Erfolg haben“, sagt der 68-jährige Rainer Riedrich. Der emeritierte Professor der Quantenoptik ist fasziniert von der Offenheit der Kinder.

„Wir müssen uns nichts mehr beweisen, wir wollen etwas weitergeben und Spaß haben“, sagt der 71-jährige Artur Jabs. Einmal wöchentlich bringen die beiden den Schülern der Charlottenburger Eosander-Schinkel-Grundschule physikalische Phänomene mit Experimenten bei. Jede Woche stehen sie vor einer anderen Klasse. „Die beiden machen das toll, sehr kindgerecht, ohne Fachbegriffe und mit vielen interessanten Versuchen“, sagt Lehrerin Gundula Glaß, die dabei zuschaut. Im Einsatz sind bei den Versuchen vor allem Alltagsgegenstände, Joghurtbecher, Schrauben und ein Fahrrad.

Zu ihrem Repertoire zählt auch die Schwerkraft von Berlin. Jabs nimmt einen auf Pappe gespannten Stadtplan in die Hände und versucht, diesen auf einem Finger zu balancieren, um die Mitte Berlins zu finden. Da das gar nicht so einfach ist, zeigt er den Schülern, wie sie diese mittels Lot bestimmen können: Zwei Fäden mit kleinen Gewichten werden so am Kartenrand befestigt, dass sich durch die Schwerkraft die Mitte finden lässt. Joel sieht genau nach, wo die beiden Fäden ein Kreuz bilden: „Berlins Mitte ist in der Alexandrinenstraße in Kreuzberg“, liest sie vor. Jabs und Riedrich lassen ein Foto der Informationsplatte herumgehen, die genau an diesem Punkt liegt. Anschließend ermitteln die Schüler die Mittelpunkte verschiedener Bezirke.

Zusammen kamen Jabs und Riedrich über die ebenfalls pensionierte Ingenieurin Maren Heinzerling, die in der Berliner Bürgerstiftung aktiv ist. Sie hat das Patenprojekt „Zauberhafte Physik“ vor rund einem Jahr gemeinsam mit Rainer Riedrich entwickelt. Zum Team gehören 24 ehrenamtliche Pensionäre und Studenten, die Experimentierstunden auch an der Kreuzberger Fanny-Hensel-, an der Schöneberger Teltow- und an der Carl-Hummann-Grundschule in Prenzlauer Berg leiten. Zu jeder Themeneinheit gehören zwei Doppelstunden. „Viele Pensionäre haben zu wenig Hobbys, die sind begeistert, wenn sie wieder gebraucht werden“, sagt die umtriebige 70-jährige Maren Heinzerling. Da so viele Schüler nicht wüssten, was ein Dübel ist oder wie selbst gekochtes Essen schmeckt, würde sie am liebsten eine Seniorenbildungsoffensive starten.

Für Elisabeth Schultz sind die ehrenamtlichen Fachleute eine große Bereicherung. „Sie bringen Vielfalt und ein Stück Gesellschaft in die Schule“, sagt die Leiterin der Eosander-Schinkel-Schule. Bevor die Experimentierstunde nach sieben Versuchen zu Ende geht, fragt Riedrich die Viertklässler, ob sie noch einen machen wollen. Alle rufen: „Ja, das macht Spaß.“

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