POSITION : Fachsprache für die Schule

Deutsch für Migranten und bildungsferne Schichten muss in der Schule und in Sprachkursen mehr vermitteln als Lesen und Schreiben. Die deutsche Sprache muss als kognitives Werkzeug verstanden werden.

Wolfgang Zydatiß

Was verbirgt sich hinter einem aktuellen Konzept wie „Emissionshandel“? Können Sie diesen Begriff definieren und von anderen Begriffen des „Klima(schutz)pakets“ abgrenzen? Gelingt es Ihnen, die dahinter stehenden Überlegungen und Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären? Können Sie zu dem Thema eine begründete Meinung formulieren, das Für und Wider in den Argumenten verschiedener Positionen erläutern oder gar Gewichtungen vornehmen beziehungsweise Empfehlungen zu möglichen Alternativen und Prioritäten abgeben? Nicht einfach, oder?

So geht es auch vielen Schülern im Sach- und Fachunterricht unserer Schulen. Bereits in der 3. Klasse sollen die Kinder ein komplexes Thema wie „Wasser ist Leben!“ altersgerecht verstehen: Versorgen und Entsorgen; Trink- versus Abwasser; Weg, Verbrauch und Schutz sowie Eigenschaften des Wassers; Wasser als Lebensraum und dergleichen mehr. Das setzt sich an weiterführenden Schulen in Fächern wie Erdkunde, Biologie oder Geschichte fort, wenn Themen wie „Plattentektonik“, „therapeutisches Klonen“ oder „Industrialisierung“ erarbeitet werden.

Schüler sollen lernen, komplexe Sachverhalte zu beschreiben, was darauf hinausläuft, fachliche „Gegenstände“ kategorisieren, klassifizieren und definieren zu können. Sie sollen ferner diese Inhalte erklären. Dazu müssen sie Texten, Diagrammen, Karten und Statistiken Informationen entnehmen und diese verknüpfen, um daraus Hypothesen, Schlussfolgerungen oder Generalisierungen abzuleiten. Darüber hinaus sollen sie Gegebenheiten bewerten: sprich Meinungen und Präferenzen äußern, Quellen kritisch lesen, Argumente abwägen, Rangordnungen herstellen sowie Ziele, Pläne und Strategien analysieren und beurteilen. Hierfür sind komplexe Denkleistungen gefragt, denn Fachinhalte, Kognitionen und Sprache gehen zusammen.

Dabei wird ein Sprachgebrauch aufgerufen, der sich von der mündlichen Alltagssprache massiv unterscheidet. „Orales Kiezdeutsch“ oder „cooles Kraftdeutsch“ sind in Unterrichtskontexten nicht angesagt, sondern „bildungssprachliche Kompetenzen“. Hierunter versteht man schriftsprachlich geprägte Textkompetenzen, die den Kindern und Jugendlichen erlauben, thematisch wie sprachlich durchkomponierte Fachtexte sinnentnehmend zu lesen und gemäß Aufgabenstellung inhaltlich zu verarbeiten, um darauf aufbauend eigene mündliche und schriftliche Texte verschiedener Genres produzieren zu können.

Alltagstaugliche Sprachkompetenzen sind zwar eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung für einen nachhaltigen Schulerfolg. Die Umgangs- beziehungsweise „Straßensprache“ ist mündlich, konkret und situativ eingebettet. Ihre Sinneinheiten sind kurz und elliptisch. Es zählt vorrangig der persönliche Kontakt, weniger die inhaltliche Substanz. Hier greift die Diskussion über die Schulleistungen von Schülern mit einem Migrationshintergrund und das neu eingerichtete Förderfach Deutsch als Zweitsprache (Daz) zu kurz, weil bisher – etwas einseitig – die mündliche Sprachfähigkeit betont wird.

Die „Schulsprache“ dagegen ist primär schriftsprachlicher Natur, sie ist ein Instrument des verbalen Denkens. Hier zählt die kognitive Funktion der Sprache. Je weiter der Fachunterricht voranschreitet, desto höher werden die Ansprüche an diese „konzeptionelle Schriftlichkeit“. Genau daran scheitern nicht wenige Risikoschüler an unseren Schulen. Der Lern- und Bildungserfolg von Schülern hängt ganz entscheidend davon ab, ob sie ihre Textkompetenzen anwenden können. Der deutschsprachige Fachunterricht muss also erheblich sprachsensibler und transparenter werden. Denkoperationen wie Definitionen, Hypothesenbilden, Ursache und Wirkung oder Prioritäten, aber auch der Aufbau von Texten können im jeweiligen Sachzusammenhang über visuelle Hilfen veranschaulicht werden (etwa über Pfeildarstellungen).

Das Fach Daz muss mehr leisten als Rechtschreibung, lautes beziehungsweise stilles Lesen und eine formenbezogene Grammatikarbeit. Die Schriftsprache muss gerade von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache und/oder bildungsferner Schichten in der Schule so früh wie möglich als kognitives Werkzeug erworben werden, da das Versprachlichen des eigenen Denkens und die Aneignung fachlichen Wissens darauf beruhen. Hier liegt eine zentrale Herausforderung für die Fortbildung der Lehrkräfte und die Unterrichtsentwicklung.

Der Autor ist Professor emeritus für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Freien Universität Berlin.

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