Projektwoche : Keine Angst vor dem Sensenmann

Mit dem Tod werden Kinder im Alltag selten konfrontiert, obwohl er Teil des Lebens ist. Das Pilotprojekt „Hospiz macht Schule“ des Bundesfamilienministeriums will Kinder behutsam an das Thema Sterben heranführen.

Hadija Haruna

Mucksmäuschenstill ist es in Kerstin Hannemanns Klasse. Bedächtig sitzen die Viertklässler im Stuhlkreis, blicken erwartungsvoll in Richtung Tafel. „Was würdet ihr tun, damit es einem schwer kranken Menschen besser geht?“, fragt Daniela Schenk, ehrenamtliche Mitarbeiterin des ambulanten Lazarus-Hospizdienstes. Sie deutet auf das braunhaarige Mädchen links neben ihr. „Ich würde ihm etwas vorlesen“, sagt die Schülerin mit dem rosa Pullover. „Ich würde ihm ein Küsschen geben und Geschichten von der Welt draußen erzählen“, piepst ihre Nachbarin. „Hmmm, ich würde es aushalten und so lange sitzen bleiben, bis er stirbt“, sagt das blonde Mädchen und senkt verschämt den Kopf.

„Es ist toll, wenn ein Mensch so etwas leisten kann“, sagt Daniela Schenk. Zusammen mit vier anderen Ehrenamtlichen leitet sie die einwöchige Projektwoche „Hospiz macht Schule“ in der vierten Klasse der Richard-Wagner-Grundschule in Karlshorst. Das Pilotprojekt wird dieses Jahr in Berlin im Rahmen des Bundesprogramms „Generationsübergreifende Freiwilligendienste“ vom Bundesfamilienministerium gestartet.

Mit seiner Arbeit will der Hospizdienst Berührungsängste abbauen. „Wenn wir Menschen und deren Angehörige beim Sterben begleiten, erleben wir oft, dass Eltern versuchen, ihre Kinder vor diesem Thema zu schützen“, sagt die Leiterin Lydia Röder. Erwachsene seien meist hilflos, wenn sie die direkten Fragen der Kinder beantworten sollen. Häufig blieben die Kinder mit ungeklärten Fragen und quälender Ungewissheit zurück. Aus dieser Situation resultierten Verwirrung, Angst und Vorurteile.

„So richtig tot ist man nur, wenn andere nicht mehr an einen glauben“, sagt das blonde Mädchen. Sie ist etwas größer als die anderen und hat das Bedürfnis, sich den anderen mitzuteilen. Zum Beispiel, dass sie schon Erfahrung mit dem Tod ihrer Großmutter gemacht habe. „Der hat es gutgetan, dass wir ihr nah waren während ihrer Krankheit. Sie hat immer gesagt, dass sie es schön findet, dass wir sie nie vergessen.“

Für viele Kinder existiere der Tod im Alltag nicht, sagt ein anderer ehrenamtlicher Mitarbeiter des Projekts. „Die meisten Menschen sterben heute nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus oder im Hospiz.“ Daher sei es wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass der Tod zum Leben dazugehöre. Sie hätten oft weniger Ängste als die Erwachsenen. Ein Projekt wie dieses könne unterstützend wirken. „Es ist kaum zu glauben, wie gut die Kinder hier in der Klasse mit dem Thema umgehen.“

Die 26 Kinder in der Klasse grübeln: Soll Bruno aus dem Buch „Hat Opa einen Anzug an?“ mit zur Beerdigung gehen oder nicht? „Wie alt ist denn der Bruno?“, fragt ein Junge. „So alt wie ihr“, sagt Daniela Schenk und hält das Buch in die Höhe. Das blonde Mädchen fände es gut, wenn der Junge aus dem Buch mit zur Beerdigung ginge: „Er muss sich doch richtig verabschieden, damit er weiter an ihn denken kann.“

Die Klassenlehrerin Kerstin Hannemann hat sich gut auf die Projektwoche vorbereitet und im Vorfeld ein langes Gespräch mit den Eltern geführt. „Es gab nur positive Reaktionen auf meine Idee.“ Wichtig sei es, so ein Projekt noch vor dem Einsetzen der Pubertät durchzuführen. „Ab dann können die Kinder nämlich nicht mehr so offen mit dem Thema umgehen.“

„Werden und Vergehen“, „Krankheit und Tod“, „Sterben und Tod“, „Trauer und Trauerbewältigung“, „Trost und Trösten“ steht in dicken Lettern auf den großen braunen Schatzkisten, die inmitten des Raumes stehen. Jeden Tag öffnen die Kinder eine der Kisten und finden Arbeitsmaterial, das sie Schritt für Schritt an das Thema heranführen soll. Religiöse Aspekte würden in der Projektwoche nicht infrage gestellt. „Ansichten, dass Tote in den Himmel oder einfach nur unter die Erde kommen, lassen wir im Raum stehen“, sagt ein Projektmitarbeiter. „Bei uns gab es zum Trauerschmaus nur Kaffee, kein Bier, wie beim Bruno“, sagt das blonde Mädchen. „Ich finde es nicht toll, wenn alle feiern, wenn jemand gestorben ist“, sagt ein Mädchen, das schon seit einer Weile ungeduldig auf ihrem Stuhl hin- und herrückt. Ihre Meinung teilen nur wenige in der Klasse. Jeder solle es so machen, wie er Lust habe, argumentiert ein Klassenkamerad, der es viel wichtiger findet, sich mit Brunos Frage zu beschäftigen, der gerade festgestellt hat, wie ausgelassen seine Eltern auf dem Trauerschmaus feiern und trinken können. „Es ist schon komisch, dass die Familie den Opa vom Bruno erst auf seiner Beerdigung so feiert und das nicht schon vorher getan hat“, stellt er fest. Hadija Haruna

Infos über Kosten und Termine des Projektes: Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Berlin, Tel. 41202875, Fax: 41202876 oder: lag@hospiz-berlin.de.

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