Reform der Berliner Sekundarschulen : Die Mischung stimmt noch nicht

Die Bildungssenatorin präsentiert Vorschläge für zusätzliche Oberstufen auf dem Weg zum Abitur. Die beruflichen Gymnasien könnten als Verlierer dastehen - und sind empört.

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Nach den Winterferien beginnen die Anmeldungen zu den Oberschulen (hier Geschichtsunterricht am Schadow-Gymnasium in Zehlendorf).
Eine bessere Schülermischung ist das Ziel der Reform. Auch Gymnasien könnten bei den Verbünden mitmachen (im Bild:...Foto: Thilo Rückeis

Die Tendenz war lange bekannt, aber ihre Deutlichkeit überrascht denn doch: An den Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe haben sich dieses Jahr im Schnitt nur fünf Schüler mit Gymnasialempfehlung angemeldet. Diese Zahl gab Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in dieser Woche bekannt, um zu belegen, wie dringend geboten eine Reform der Übergänge zum Abitur ist. Und Lösungsansätze präsentierte sie gleich dazu.

Genau genommen wurden sie präsentiert – vom ehemaligen Leiter der Sophie-Scholl-Schule, Klaus Brunswicker. Er hatte vor einem Jahr den Auftrag von Scheeres bekommen, zusammen mit einer Arbeitsgruppe Vorschläge zu erarbeiten, wie Sekundarschulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe geholfen werden könnte.

Mindestens 50 geeignete Schüler werden gebraucht

Entscheidend waren dabei die zentralen Erfahrungen der letzten fünf Jahre: Es reicht Eltern nicht, wenn eine Sekundarschule nur mittels einer Kooperation mit einem Oberstufenzentrum den Weg zum Abitur bietet. Vielmehr wollen die Eltern, dass ihr Kind von der siebten Klasse bis zum Abitur ohne weitere Schulwechsel an einem Standort bleiben kann oder dass ihre Sekundarschule zumindest selbst ein Abiturzeugnis ausstellen kann.

Deshalb besteht der zentrale Vorschlag der Arbeitsgruppe darin, dass sich mehrere Sekundar- oder Gemeinschaftsschulen zu Verbünden zusammenschließen und eine gemeinsame Oberstufe aufbauten. Dabei sollen mindestens 50 Schüler zusammenkommen, um ein breites Kursangebot aufzubauen. Die Arbeitsgruppe hatte sogar 75 als Untergrenze empfohlen.

Die Oberstufe muss nicht vor Ort sein

Um die Schüler auf die Oberstufe vorzubereiten, sollen die Schulen die elfte Klasse am eigenen Standort anbieten können. Das Kurssystem selbst – also die zwölfte und 13. Jahrgangsstufe, soll dann an einem dritten Standort untergebracht werden und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben die meisten Sekundarschulen gar nicht genügend Platz für die Kursphase und zweitens soll vermieden werden, dass es weiterhin Schulen „erster und zweiter Wahl“ gibt, also Schulen mit und ohne die Oberstufe im eigenen Haus. Bei dieser Art Verbund könnte auch ein Oberstufenzentrum beteiligt werden.

Wichtig ist der Arbeitsgruppe, dass die Kooperation nicht nur darin besteht, dass die Schüler in der Kursphase gemischt werden. Vielmehr soll es schon im Vorfeld ein enges Zusammenwirken etwa bei der Öffentlichkeitsarbeit und bei der Unterrichtsentwicklung geben. „Die Schulcurricula sollen intern abgestimmt werden“, heißt es in dem Brunswicker-Papier. Im Vorfeld sollen die Schulkonferenzen auf freiwilliger Basis die Weichen für die Kooperation stellen. Dabei soll es auch möglich sein, dass Schulen über Bezirksgrenzen hinweg einen Verbund bilden, sofern die „räumliche Mindestnähe“ gegeben ist.

Auch Gymnasien können zum Verbund gehören

Eine Alternative zu diesem Modell besteht darin, dass eine oder mehrere Sekundarschulen mit einem Gymnasium zusammenarbeiten. Dies käme infrage, wenn die Schulen nahe bei einander liegen, also eine Art Campus bilden. Als Beispiel nannte Brunswicker das Lessing-Gymnasium in Wedding, dass eine solche Zusammenarbeit mit der Schule am Schillerpark erwägt. Auch in diesem Fall würde die Sekundarschule ihre eigene elfte Jahrgangsstufe behalten, in der die Schüler auf das Kurssystem vorbereitet werden.

Scheeres betonte, dass gut funktionierende Kooperationen zwischen Oberstufenzentren (OSZ) und Sekundarschulen nicht berührt sind von den Vorschlägen der Arbeitsgruppe. Diese Variante werde es weiterhin geben. Als Beispiel für gut funktionierende Kooperationen zwischen Oberstufenzentrum und Sekundarschule nannte Abteilungsleiter Siegfried Arnz die Zusammenarbeit von Friedrich-Bergius-Schule in Schöneberg und dem OSZ in der Dudenstraße.

Klaus Brunswicker war viele Jahre Direktor der höchst erfolgreichen Sophie-Scholl-Schule. Jetzt leitete er die Arbeitsgruppe für eine stärkere Anbindung der Oberstufen an den Sekundarschulen.
Klaus Brunswicker war viele Jahre Direktor der höchst erfolgreichen Sophie-Scholl-Schule. Jetzt leitete er die Arbeitsgruppe für...Foto: Susanne Vieth-Entus

Die Variante, dass jede Sekundarschule eine eigene Oberstufe erhält, scheidet aus, da es an den meisten Schulen nicht genügend Schüler und auch nicht genügend Platz für ein vollständiges Abiturangebot mit allen wichtigen Leistungs- und Grundkursen gäbe.

Wie wichtig es war, die Anbindung der Oberstufen und den Weg zum Abitur neu zu regeln, belegen die Zahlen des aktuellen Schuljahres: 80 Prozent aller Schüler mit Gymnasialempfehlung – insgesamt 1700 - hatten sich an den 39 Sekundarschulen mit eigener gymnasialer Oberstufe angemeldet. Für die Vielzahl an 83 Sekundarschulen ohne Oberstufe blieben nur 430 leistungsstärkere Schüler übrig – rechnerisch also die genannten fünf pro Schule.

Die Schulen sollen jetzt in Ruhe überlegen, welche Form der Kooperation für sie infrage kommt. Vor 2017/18 rechnet Scheeres nicht mit Entscheidungen. Brunswicker und Scheeres erhoffen sich langfristig jedenfalls, „dass eine leistungsheterogene Mischung entsteht und mit ihr „ein besseres Lernklima und bessere Ergebnisse“.

Alle Schulformen waren vertreten

In der Arbeitsgruppe waren Direktoren aller betroffenen Schulformen vertreten. Neben Brunswickers waren das der Leiter der Neuköllner Röntgen-Sekundarschulen, Detlef Pawollek, die Leiterin der Tempelhofer Johanna- Eck-Sekundarschule, Hannelore Weimar, der Leiter des Weddinger Lessing-Gymnasiums, Michael Wüstenberg, Ralph Buß, Leiter des OSZ Bürowirtschaft/Verwaltung in Lichterfelde, die Leiterin der Carl-von-Ossietzky-Sekundarschule in Kreuzberg, Anett Burow sowie Schulräte der Senatsverwaltung für Bildung, darunter die für Gymnasien zuständige Referentin Hannelore Trageser.

Jetzt werden die Vorschläge in den Schulen diskutiert

Wollen wir oder wollen wir nicht? Wer diese Frage am Dienstag in den Lehrerzimmern stellte, wollte reden – und zwar über die Vorschläge der Brunswicker-AG und über das damit einhergehende Eingeständnis der Bildungsverwaltung, dass die Kooperation mit Oberstufenzentren von den Eltern nicht so akzeptiert wird, wie zu Beginn der Reform im Jahr 2010 erhofft.

„Natürlich hat man mit einer eigenen Oberstufe größere Chancen auf eine bessere Schülermischung“, lautete die erste Reaktion von Reiner Haag, Klassenlehrer an der Johanna-Eck-Schule in Tempelhof. Denn die Eltern „gucken doch zuerst auf die Perspektiven“. Aber Haag fragt sich, mit welcher anderen Schule sich seine Einrichtung denn zusammentun könnte, um gemeinsam einen Verbund für eine gymnasiale Oberstufe zu bilden.

Jetzt müssen Räume gefunden werden

Das Problem liegt nun in der Umsetzung. Zum einen haben die meisten Bezirke keine ungenutzten Räume, die sie problemlos für zusätzliche Oberstufen hergeben könnten. Zum anderen funktioniert das Konzept nur, wenn sich ISS zusammenfinden, die gemeinsam mindestens 50 Schüler auf den Weg zum Abitur schicken können. An den vielen Schulen, die fünf Jahre nach der Reform noch immer als eine Art Restschule empfunden werden, dürfte das schwierig werden. Zudem gibt es die Gefahr, dass etliche Schüler in der gymnasialen Oberstufe auf der Strecke bleiben: Die Berechtigung zum Übergang in die Oberstufe ist leichter zu bekommen als früher, und noch ist nicht klar, ob die zahlreichen Schüler, die die Berechtigung erlangen, überhaupt imstande sein werden, sind, die Hürden bis zum Abitur zu nehmen.

Man müsse jetzt erst mal abwarten, wie die konkreten Bedingungen in den Bezirken sind, reagierte Stefanie Remlinger von den Grünen auf die Vorschläge. Zu begrüßen sei aber, dass die Verwaltung endlich zugegeben hat, wie wenig die Schülermischung an den Sekundarschulen klappt

Harsche Reaktion aus den Berufsschulen

"Ich halte die Vorschläge des Brunswicker-Berichtes zu den ISS für eine Art "Totengräber"- Bericht zur Sekundarschulreform der Ära Dr. Zöllner", sagte Pit Rulff, der Leiter des Oberstufenzentrum Druck- und Medientechnik, der Ernst-Litfaß-Schule in Wittenau. Die Bildungsverwaltung versuche jetzt, "dem bildungspolitischen, rückwärtsgewandten Druck einzelner Lobbyistenbünde auszuweichen, indem sie durch die Hintertür absehbar flächendeckend das dreigliedrige Schulsystem - ISS mit Oberstufe (ehem. Realschulen) und ISS ohne Oberstufe (ehemalige Hauptschulen) wieder einführt".

Die Berufsschulleiterschaft sei sich in dieser Sache mit dem Verband der Oberstudiendirektoren einig, so Rulff: "Kardinalfehler waren die ersten Genehmigungen von Oberstufen an wenigen ISS.  Sachsen oder Baden- Württenberg haben es besser gemacht: nach der 10. Klasse geht es auf die OSZ bzw. in die duale Ausbildung oder aufs Gymnasium. Alles andere ist Flickschusterei und Geldverschwendung.  Das Geld, was jetzt in mickrigen OGs doppelt verpulvert wird, ist mehrfach besser in der SEK I  der ISS zur Förderung der Schüler angelegt", sagte Rulff.

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