Schulreform : Appell an die SPD: Losquote absenken

An beliebten Schulen soll künftig auch das Los darüber entscheiden, wer aufgenommen wird. Die Koalition will jeden zweiten Platz auf diese Weise vergeben. Dagegen protestieren Eltern und Schulen.

Susanne Vieth-Entus

Ralf Treptow hat schon eine Idee, wie man der Regierungskoalition die Vorliebe für Losverfahren verleiden könnte: „Man sollte die Hälfte der Fraktionssitze verlosen“, schlägt der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren vor. Ansonsten ist ihm nicht nach Scherzen zumute angesichts des „bildungspolitischen Desasters“, das die SPD zusammen mit der „Nachfolgepartei der SED“ anrichte.

Der Leiter des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums ist mit seiner Empörung nicht allein: Landeselternsprecher André Schindler hatte ihn und weitere Direktoren für einen gemeinsamen Appell gewonnen: Sie eint das Bestreben, die Verlosung von 50 Prozent der Plätze an beliebten Schulen zu verhindern. Heute entscheidet die SPD-Fraktion.

„Unser mühsam erarbeitetes Profil würde gefährdet, wenn jeder zweite Platz unter allen Bewerbern unabhängig von ihrer Neigung verlost würde“, beschreibt Ulrich Meuel die Befürchtungen der Fitz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Britz. Auch die Spandauer Martin-Buber-Gesamtschule fürchtet um ihre Profilklassen: Bislang kann sie die mathematisch orientierte Klasse gezielt mit entsprechend begabten Kindern belegen. Das wäre vorbei, wenn die Hälfte der Plätze ausgelost würde: Da sich an der Schule stets viel mehr Sport- als Mathematikbegeisterte anmelden, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass genug Schüler für die Mathematikklasse ausgelost würden, fürchtet Direktor Lutz Kreklau. Landeselternsprecher André Schindler legte dar, warum eine Losquote von maximal 25 Prozent angemessener wäre: Er hat ermittelt, dass seit seit Jahren im Schnitt 20 Prozent der Siebtklässler an Gymnasien keine entsprechende Empfehlung der Grundschule hatten.

„Weder die Leistungsfähigkeit der Gymnasien noch die Bestenauslese würden leiden“, schlussfolgert Schindler, wenn im gleichen Umfang wie bisher Schüler ohne Gymnasialempfehlung aufgenommen würden. Es sei dann auch nicht zu erwarten, dass die Zahl der Kinder zunähme, die am Probejahr scheitern. Wenn aber 50 Prozent der Plätze nach dem Zufallsprinzip vergeben würden, stiege die Gefahr, dass Kinder im Probejahr scheitern, warnt Kathrin Wiencek vom Philologenverband.

Wie berichtet, hatten sich Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), die Linkspartei und die Bildungspolitiker der SPD- Fraktion darauf geeinigt, bei gefragten Schulen die Hälfte der Plätze zu verlosen. In der SPD gibt es aber Zweifel an der Richtigkeit dieses Weges. Auch die beiden profiliertesten SPD-Bildungsstadträte Wolfgang Schimmang (Neukölln) und Reinhard Naumann (Charlottenburg-Wilmersdorf) lehnen die hohe Quote ab. Naumann nennt als Obergrenze „maximal 25 Prozent“.

Zu den laut Bildungsverwaltung ungeklärten Fragen gehört, ob man sich nur an einer Schule am Losverfahren wird beteiligen können oder gleich an mehreren. Möglicherweise wird diese Frage erst in den kommenden Wochen beantwortet werden. Susanne Vieth-Entus

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