Seen im Grunewald : Einfach mal die Seele baumeln lassen

Die Seen im Grunewald sind Anlaufpunkt für Menschen aller Herkunft. Aber was zieht sie ans Wasser? -  Anlass genug, um sich umzuhören. Mit erstaunlichen Antworten und Ärgernissen. Ein Erfahrungsbericht.

Leon Linke

Vom 23. bis zum 27. Juli waren Schüler und Schülerinnen aus verschiedenen Berliner Gymnasien beim Tagesspiegel, um in einem Sommerkurs mehr über Journalismus zu erfahren. Die 16- bis 18-Jährigen erlebten Redakteure bei der Arbeit, nahmen an Schreibworkshops teil und recherchierten und verfassten eigene Artikel zu Themen, die sie sich selbst ausgesucht haben. Hier lesen Sie die Ergebnisse.

Berlin besitzt 77 Seen mit 53 Quadratkilometern Wasserfläche. Und die will genutzt werden. Doch in wie weit wird dieses Angebot von Berlinern, Touristen oder Interessierten wahrgenommen? Was für Auswirkungen haben Wasser, Strand und Hitze auf die Stadt? Klar. Was passiert, wenn der letzte Faktor eintritt, kann sich jeder denken: Die Ufer sind überfüllt mit schwitzenden Leibern, die es satt haben, sich ins Solarium zu quetschen.

Nachdem der Sommer es endlich geschafft hatte, die Wolken zu vertreiben, nutzte ich die Chance und klapperte den Grunewald und seine Seen ab, um Eindrücke zu sammeln. Einige Impressionen:

Am Schlachtensee ist die Hölle los. Schon aus der S-Bahn kann man die Liegewiese voller Menschen sehen. Beziehungsweise nicht mehr sehen. Gras lässt sich unter dem Handtücher-Belag nicht mehr erkennen. Am Bootsverleih frage ich einen Mann Anfang Dreißig mit seinem Sohn, was sie am Schlachtensee unternehmen wollen. „In den See stechen!“ ruft der Kleine. „Ja genau“, meint der Vater lachend, „wir sind extra aus Charlottenburg hierher gefahren, um der Hitze zu entfliehen.“ Ein Stück weiter findet ein Jogger die Atmosphäre einfach super. „Wenn du nach der Arbeit abschaltest und deine Runden ziehst, ist das unvergleichlich.“ Die zwei älteren Damen am Sandstrand der Krummen Lanke könnten doch alternativ auch ins Freibad gehen. „Nee, wir sind gleich hier aus der Umgebung. Wo gibt es denn hier ein Freibad? Außerdem, das Flair eines Sees kann das Freibad nicht bieten.“

Überall um die Krumme Lanke herum sehe ich Jungvolk mit Bierkästen. Was sie vorhaben, kann ich mir selber denken. Jetzt kriege ich selber richtig Lust aufs Plantschen und stelle mich bis zu den Knien ins Wasser. Und das ist gar nicht so kalt. Vielleicht etwas grün und trüb, aber besser als die Spree, die ja immer brauner wird. Was ich ziemlich erstaunlich finde, sind die Massen an Touristen, die die Strände belagern. Sogleich sehe ich eine Gruppe Spanier. Ein leicht angetrunkener Mann ist auch bereit, mit mir zu reden. Soweit ich das richtig verstehe, heißt er Pedro und hat seine Chicas mit dabei. Die Seen mitten in der Stadt findet er toll, nur die Nackten am Strand sind „strange“. Langsam wird es mir zu voll und ich begebe mich zum Wannsee. Und dort ist es erstaunlich leer. „Die sind wahrscheinlich alle im Strandbad“, kann mir der 56 jährige Jürgen sagen. Er ist Kapitän bei einer Reederei, die Dampfertouren auf dem Wannsee anbietet. „Aber wenn ich ablege, ist das Boot immer voll. Die Touren sind bei den Leuten sehr beliebt. Doch Touristen fahren lieber auf der Spree. Da gibt’s mehr zu gucken.“

Am Ende habe ich den Eindruck, dass die Seen bei Schönwetter wie Magneten auf die Bevölkerung wirken. Jeder will schwitzen, sich bräunen, im Sand liegen, buddeln, sich abkühlen, schwimmen oder einfach nur gesehen werden. Doch ein paar hartgesottene erzählen mir, dass sie bei jedem Wetter      

ihre tägliche Runde um den See drehen. „Da kenne ich gar nichts. Einmal am Tag die Seele baumeln lassen. Das muss sein“, sagt ein 70 Jahre alter Rentner.

Aber natürlich finden nicht alle die Seen durchweg positiv. Denn es gibt auch andere Widrigkeiten als nur das Wetter. „Die Mücken nerven krass, die Hunde und die Kacke auch voll“, bekennt ein türkischstämmiger Berliner. Und seine Freundin fügt hinzu: „Ja, und es ist auch voll voll hier.“ Dafür kann der See aber doch nichts, merke ich an. Sie kommen trotzdem nicht so oft hierher, sagen sie und dampfen ab. Doch auch die Anwohner der Fischerhüttenstraße sind gestört. Der Menschenstrom, der vom U-Bahnhof Krumme Lanke bis zum See reicht, ist gewaltig und erinnert an eine Einkaufspassage.

Während ich mich gegen den Strom zur Station kämpfe, habe ich dennoch einen überwiegend positiven Eindruck von den Seen und den Menschen, die sie nutzten. Und anscheinend haben die Berliner Gewässer auch europaweit einen guten Ruf. Denn so eine scheinbar leere kalte Fläche kann im Großstadtdschungel eine willkommene Abwechslung sein.

 

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