Sportoberschule : E-Learning im Trainingslager

Patrick Hausding ist Silbermedaillengewinner – und bald Abiturient. Möglich macht dies Berlins einzigartiges Angebot an Sportoberschulen.

Martin Gropp

Die vier kleinen Wasserspringmädchen sind nicht aus der Ruhe zu bringen. In der Schwimmhalle an der Landsberger Allee schlendert gerade Synchronspringer Patrick Hausding an ihnen vorbei, der in Peking die Silbermedaille gewonnen hat. Doch die Mädchen planschen weiter im Aufwärmbecken herum. Sie stürzen nicht aus dem Wasser, um ein Autogramm des neuen Wasserspringstars zu ergattern. Das könnten sie jetzt sowieso nicht sicher und vor allem trocken verstauen. Die Mädchen bleiben aber noch aus einem zweiten Grund locker. „Wir sehen den doch jeden Tag in der Schule“, sagt eine Fünftklässlerin. Da können sie sich mit dem Autogrammholen noch ein wenig Zeit lassen.

Einen Olympiazweiten jeden Morgen auf dem Schulhof treffen – das ist zurzeit im Coubertin-Gymnasium in Prenzlauer Berg möglich. Noch knapp ein Jahr geht der 19-jährige Hausding dort zur Schule. Dann wird er sein Abitur machen. Hausding ist einer von 600 Schülern, die auf dem Gymnasium in der Conrad-Blenkle-Straße lernen und gleichzeitig Leistungssport betreiben. Damit das möglich ist, gibt es einige Hilfen für die Schüler.

Zum Beispiel die „Streckung“. Was ein wenig klingt wie eine Dehnübung, bedeutet, dass die Kurse der letzten beiden Schuljahre auf drei Jahre ausgedehnt werden. Im ersten werden die Grundkurse gelehrt, im zweiten starten die Leistungskurse, im dritten folgen dann die Prüfungen. Auch Patrick Hausding hat seinen Abschluss so um ein Jahr verschoben. „Das war ziemlich vorteilhaft. Sonst wären die Abiprüfungen genau vor den Olympischen Spielen gewesen“, sagt er, während er im Büro des Coubertin-Schulleiters Gerd Neumes sitzt. Mit seinem Trainer und in Absprache mit Neumes hat er die Verschiebung geplant, als er vor drei Jahren in die Oberstufe kam. Nur so war es möglich, 20 Stunden Training pro Woche, Wettkämpfe, Olympiavorbereitung und Schule zu koordinieren.

Man merkt Neumes an, dass er dem Schüler Hausding gerne diesen Sonderstatus eingeräumt hat. Er ist sichtlich stolz auf den Wasserspringer. „Wir wollen ja gerade, dass einer wie er Erfolg hat“, sagt Neumes. Wir, das ist einerseits die Schule. Andererseits stehen auch der Olympiastützpunkt und das Land Berlin dahinter. Um in Zukunft noch mehr Talente wie Hausding zu fördern, fusionieren Coubertin-Gymnasium und Werner- Seelenbinder-Schule zum sogenannten Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB). Bis 2013 werden dafür rund 35 Millionen Euro investiert, aus zwei Schulen eine zu machen.

Das SLZB soll eine spezifische flexible Schulart werden. „Spezifisch“ heißt auf den Sport bezogen, „flexibel“ bedeutet, dass dort alle Abschlüsse angeboten werden. „Die Schule wird sich den individuellen Gegebenheiten der Sportler anpassen“, sagt Neumes. Eines Tages soll es hier 1100 Schüler geben. „Berlin hat sich entschlossen, dass eine Topeinrichtung besser ist als zwei“, sagt Neumes.

Schon heute wird den Sportlern so gut wie möglich Rechnung getragen – manchmal unter Einsatz der Technik. Hausding konnte dank E-Learning manche Hausaufgabe in den Trainingslagern erledigen. „Meine Englischlehrerin hat mir die Aufgaben per Mail geschickt“, erzählt er. Manchmal habe er sie gemacht, manchmal auch nicht. „Nach acht Stunden Training war ich oft einfach zu müde.“ Zurück aus dem Trainingslager musste er die Defizite in Einzelförderstunden nachholen und auch ein bisschen auf die Geduld der Lehrer hoffen. „Die Sache ist, wie man sich als Schüler gegenüber dieser Hilfestellung verhält“, sagt Hausding.

Bei einem wie Hausding ist sich Schulleiter Neumes sicher, dass er die Hilfe richtig angenommen hat. Er sieht ihn als Vorbild für die jüngeren Schüler an. „Unprätentiös“ nennt er Hausding, als der schon längst auf dem Weg in die Schwimmhalle ist. Bescheiden sei er und vor allem ruhig. Und zumindest das haben die kleinen Wasserspringerinnen schon mit ihrem erfolgreichen Mitschüler vom Coubertin-Gymnasium gemein.

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