Schule : Traumstraßen für die Ohren

Moritz Honert

48 Minuten sitzt der durchschnittliche Deutsche täglich im Auto. Im Urlaub ist es weit mehr. Viel Zeit, die sinnvoll genutzt werden will. Nicht wenige Autofahrer greifen deshalb zum Hörbuch, was die Stuttgarter Firma E-Motion auf die Idee brachte, diesen Trend mit dem Bedarf an Reiseliteratur zu kombinieren. Entstanden ist daraus die Reihe „Roadstories – Traumstraßen in Deutschland“. Akustische Reiseführer, deren jüngster Teil „Berlin-Brandenburg“ soeben erschienen ist.

„Reiseführer gibt es wie Sand am Meer“, sagt Andrea Gehne, die sich die Roadstories ausgedacht hat. „Die kann man sich in der Regel aber nicht anhören, und außerdem kommen darin die interessanten Anekdoten, die den Charakter einer Region ausmachen, regelmäßig nur am Rande vor.“ Ihren Produktionen geht es folglich weniger um die Auflistung aller Kirchen, Museen und Denkmäler, sondern um den Versuch, eine Gegend in ihren Eigenheiten und mit Hilfe von Anekdoten zu beschreiben. Nicht nur Touristen, auch einheimische Ausflügler hat sie dabei im Sinn. Und unter denen besonders die Autofahrer. „Etliche Produktionen sind aber für eine Autofahrt ungeeignet, weil sie zu viel Aufmerksamkeit verlangen“, sagt Gehne. Die Roadstories hingegen sind für unterwegs konzipiert. Nicht nur, dass sie sich mit dem Unterwegssein beschäftigen, sie sind auch so angelegt, dass sie in kurzen, einzeln konsumierbaren Einheiten erzählt werden.

Nachdem sich Autofahrer in der Vergangenheit so schon durch den Schwarzwald und entlang der Nordseeküste hören konnten, geht es nun durch Berlin und Brandenburg. Zwischen vier Touren kann dabei gewählt werden, die die Stadt in je eine Himmelsrichtung verlassen. Nach Westen geht es ins Havelland, nach Norden bis nach Rheinsberg und Templin. Nach Osten geht es zum Zisterzienserkloster Chorin. Die Strecke nach Süden führt nach Finsterwalde. Bei der Routen- und Ausflugsplanung hilft das beiliegende Booklet. Darin sind nicht nur alle Wegstrecken abgebildet, sondern auch Restaurant- und Hoteltipps zusammengestellt, die dem aktuellen Michelin-Führer entnommen wurden.

Auf seinem Weg durch die Region begegnen dem Hörer so bekannte Figuren wie der Hauptmann von Köpenick. Er erfährt aber unbekanntere Geschichten, wie die von Gale Halverson, der als Erster Süßigkeiten aus dem „Rosinenbomber“ abwarf. Untermalt werden die Anekdoten mit Zitaten und Originaltönen. Die erste Radiosendung aus Königs Wusterhausen ist zu hören, ebenso das Filmorchester Babelsberg und der ein oder andere Schellack-Schlager. Tiefer im Brandenburgischen drehen sich die Anekdoten dann vornehmlich um Architektur und Literatur. Besonders Tucholsky und Fontane wird in den im Schnitt dreiminütigen Spots viel Beachtung geschenkt.

Die Länge der einzelnen Beiträge deutet jedoch zwei Probleme an. Die Strecke parallel zu den Beispielen abzufahren, funktioniert nicht. Das ist weniger schlimm, weil es bei vielen Geschichten unerheblich ist, ob man sich direkt vor Ort befindet. An der Unfallstelle von Otto Lilienthal gibt es tatsächlich nicht viel zu sehen. Problematischer ist: Die Beiträge wirken oft etwas knapp. Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor wird in gut einer Minute abgehandelt, kaum mehr Aufmerksamkeit bekommt die Geschichte, woher Philadelphia in Brandenburg seinen Namen hat. Auch die Aneinanderreihung der Beiträge erscheint etwas rasant. Die fünf Sprecher hingegen machen ihre Arbeit gut. Insgesamt bietet die rund 77-minütige CD einen informativen Überblick und enthält ein paar Geschichten, die auch Berlinern und Brandenburgern so noch nicht bekannt sein dürften.

Die CDs gibt es für 14,90 Euro im Buchhandel oder im Internet: www.e-motion.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben