Schule : Turbo-Abitur: Die Mühen der Ebenen

Kaum jemand will zurück zur 13-jährigen Schulzeit. Aber von München bis Berlin bleibt Unzufriedenheit

Werner Kurzlechner

Auf einen großen Wurf haben sich die Kultusminister der 16 Länder vergangene Woche nicht verständigt. Weiterhin müssen Gymnasiasten von der fünften bis zur zwölften Klasse in der Summe mindestens 265 Wochenstunden absitzen. Einzige Neuerung: Bis zu fünf Stunden Wahlunterricht wie Chinesisch oder Theater können eingerechnet werden. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht deshalb auch keinen Grund, sich zur verkürzten Schulzeit erneut zu äußern. Keine neue Sachlage, heißt es aus der Bildungsverwaltung. Die Bundes-Direktoren-Konferenz begrüßt die Erklärung der Länderminister: Eine Abkehr von der Mindeststundenzahl bei unveränderter Stofffülle verschärfe die Situation. Denn dann bliebe weniger Zeit, die Schüler individuell zu fördern. Kürze man aber Inhalte, drohe Niveauverlust.

Die Betroffenen werden weiter über das Für und Wider des „Turbo-Abis“ streiten. Wie brisant das Thema ist, zeigte sich kürzlich am Lichterfelder Goethe-Gymnasium. Dort organisierten Eltern ihren Protest gegen lange Schultage und fehlendes Mittagessen: Quer durch die Bundesrepublik leiden Schüler unter gestiegenem Leistungsdruck, seit fast alle Länder die Gymnasialzeit auf zwölf Jahre verkürzt haben. Die Verantwortlichen mühen sich derweil, die schlimmsten Reformprobleme zu beseitigen: die Lehrpläne zu korrigieren und den Mangel an Schulkantinen zu beheben. „Wir müssen in Berlin endlich baulich investieren“, fordert Ralf Treptow, Direktor des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow und Vorsitzender des Verbandes der Oberstudiendirektoren. Zunächst in Speise-, dann in Freizeiträume, denn das verkürzte Gymnasium lasse sich am besten in Ganztagsschulen bewältigen.

Berlin kennt die Probleme seit zwei Jahren, anderswo verursacht das dort acht- statt neunjährige Gymnasium (G8, G9) schon länger Ärger. Die Bundesländer machen unterschiedliche Erfahrungen mit der meist übereilt auf zwölf Jahre verkürzten Schulzeit. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann (CDU) verteidigt sie recht gelassen, weil er es sich leisten kann: Sein Land hat die Stundentafel um 16 Stunden entrümpelt und liegt damit republikweit am unteren Ende. Von der fünften bis zur zehnten Klasse müssen niedersächsische Gymnasiasten in der Summe 192 Wochenstunden an Pflichtunterricht absitzen; in Berlin sind es 195 oder im altsprachlichen Zweig 198, in Bayern satte 200. Zudem führt Niedersachsen 100 seiner 251 Gymnasien als Ganztagsschulen. Dort lässt sich das Pensum besser meistern.

Selbst eine G-8-Kritikerin wie Ingrid Saechtig, Deutschlehrerin aus Celle, stört sich in erster Linie an einem flüchtigen Phänomen: Ihre neunte Klasse, 2004 nach dem Besuch der inzwischen abgeschafften Orientierungsstufe plötzlich in den G-8-Lehrplan gepresst, leide immer noch extrem an den Folgen des damaligen Chaos. Saechtig denkt aber auch, dass die jetzigen Unterstufenklassen die Anforderungen meistern können. Lehrplanstraffungen sieht sie pragmatisch: „Dann lesen meine Schüler eben einige Romane und Dramen weniger.“

Bei den Wahlen in Niedersachsen gefährdete die Bildungspolitik auch nicht die Regierungsmehrheit. Anders als in Hessen, wo die Opposition erfolgreich den Unmut über das 2005 als Schnellschuss eingeführte achtjährige Gymnasium aufsammelte. Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hat inzwischen ihren Rücktritt angekündigt.

Neben Hessen zeigt sich mit Bayern eine weitere Bastion konservativer Schulpolitik erschüttert. „Die Eltern gehen mehr denn je auf die Barrikaden“, sagt Isabell Zacharias, Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbandes. 69 Prozent der Eltern von Schulkindern denken laut einer aktuellen Infratest Dimap-Umfrage, mit G8 laufe etwas falsch.

Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) schluckt schwer an der Reform. Im Hauruckverfahren war die Gymnasialzeit 2004 auf acht Jahre gestrafft worden. Viele Schüler kommen seither mit den zuvor schon hohen Anforderungen gar nicht mehr klar. Laut Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern benötigt jeder vierte Gymnasiast Nachhilfe.

Das Ministerium versprach mittlerweile, 400 neue Lehrer an den Gymnasien anzustellen. Bis Ostern will Schneider prüfen, wie das Pensum beschnitten werden könnte. Im Blickpunkt stehen Fächer wie Geschichte und Griechisch. „Mir gefällt diese Entrümpelungsdiskussion überhaupt nicht“, sagt Elternvertreterin Zacharias. Sie fürchtet, die kulturelle Bildung könnte am Ende unter die Räder geraten. In Berlin hat die Bildungsverwaltung die Lehrpläne schon entschlackt, als der Senat das 13. Schuljahr strich. Das heißt im Kern, dass viele Inhalte nicht mehr im Detail vorgeschrieben sind und der Akzent stärker auf methodisches Üben gesetzt wurde.

Im Lichte der aktuellen Debatte ist aufschlussreich, dass in Bayern genau wie in Berlin kaum jemand zurück zum neunjährigen Gymnasium will. Schon im Juni 2005 scheiterte in Bayern ein Volksbegehren für eine Rückkehr zum alten Zeitplan. Es trugen sich nur 2,4 Prozent der Stimmberechtigten ein. Für einen Erfolg hätten es zehn Prozent sein müssen.

Ebenso wie in Berlin fehlen auch in Bayern Speisesäle. Wegen der Finanzierung neuer Mensen liegt der Freistaat heftig mit dem Bayerischen Städtetag über Kreuz. Die großen Kommunen mit München an der Spitze argumentieren mit dem Verfassungsprinzip der Konnexität. Frei übersetzt meint das: Die Zeche zahlt, wer bestellt hat – im Fall G8 also das Land. Alleine die Stadt München hat in den vergangenen Jahren G-8-bedingt ein 64 Millionen Euro schweres Bauprogramm für seine Gymnasien aufgelegt, das der Freistaat nur zur Hälfte übernehmen will. Berlin kann von einem solchen Bauprogramm zurzeit nur träumen.

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