Universität : Die Konzentration der Bücher

Die Freie Universität legt ihre Bibliotheken zusammen – damit der Service besser wird. Aber das Otto-Suhr-Institut wehrt sich.

Günter Bartsch

Längere Öffnungszeiten, moderne Leseplätze, offene Buchbestände – all das verspricht sich das Präsidium der Freien Universität von der weiteren Konzentration der FU-Bibliotheken. Anstelle von 142 Standorten im Jahr 1985 soll es 2012 nur noch 13 geben. So will die FU-Spitze trotz gesunkener Etats einen besseren Service bieten, als dies in kleinen Bibliotheken möglich wäre. Doch die geplante Integration der politik- und sozialwissenschaftlichen Fächer in die Universitätsbibliothek (UB) liegt vorerst auf Eis. Der Fachbereichsrat hat die umstrittenen Pläne zurückgestellt. Trotzdem besetzten Studierende in der vergangenen Woche zeitweise die Bibliothek des Otto-Suhr-Instituts (OSI) und kündigten weitere Proteste an – aus Sorge, die Entscheidung des Fachbereichs könnte in der Sache nicht das letzte Wort sein.

Für die im November bekannt gewordenen Pläne ist es aus Platzgründen notwendig, mehrfach vorhandene Bücher auszusortieren – anfangs war von einer halben Million, zuletzt von 130 000 Bänden die Rede. Ältere Vorschläge zur Erweiterung der Bibliothek des OSI sollten nicht weiterverfolgt werden – Gremien am Fachbereich fühlten sich daher überrumpelt.

Diesen Vorwurf will FU-Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl ausräumen. Die Kritik am Präsidium erklärt sich Lehmkuhl mit „der Wahrnehmung eines vermeintlichen Kommunikationsmangels“. Die Idee sei zunächst dem Dekanat des Fachbereichs Politik und der Leitung des ebenfalls betroffenen Osteuropa-Instituts (OEI) vorgestellt worden – es habe aber von Anfang an das Angebot gegeben, die Pläne im Fachbereichsrat und im OEI-Institutsrat zu diskutieren. Die Umsetzung des Vorhabens hänge nicht zuletzt von der Haushaltslage ab, sagte Lehmkuhl dem Tagesspiegel.

Lehmkuhl sieht die Pläne als Fortsetzung des bisherigen Konzentrationsprozesses: 1985 hatte die FU noch 142 Bibliotheksstandorte, darunter viele Kleinstbibliotheken und Handapparate. Bis 1999 wurde diese Zahl auf 74 Standorte reduziert. Die geschrumpften Hochschuletats machten jedoch weitere Zusammenlegungen notwendig: In die von Norman Foster entworfene Philologische Bibliothek wurden zwölf kleinere Bibliotheken integriert. 2005 wurde die räumliche Integration von Soziologie, Ethnologie, Politikwissenschaft und Publizistik beschlossen – diese soll in den nächsten Monaten abgeschlossen werden. Für die sogenannten Kleinen Fächer des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften entsteht ein Neubau auf dem Obstbaugelände an der Fabeckstraße – dort werden 25 Bibliotheken vereint. 2012 wird es dann nur noch 13 Bibliotheksstandorte geben. Die Konzentration bringe große Vorteile, sagt Lehmkuhl: Die Bibliotheken seien zentral gelegen. Durch den geringeren Personalaufwand könnten längere Öffnungszeiten ermöglicht werden. Und es entstünden moderne und benutzerfreundliche Lernorte, wie die Beliebtheit der Foster-Bibliothek zeige.

In der Tat wird es dort gerade zu Prüfungszeiten eng, weil auch Studenten anderer Fächer die guten Arbeitsbedingungen schätzen. Überhaupt haben sich die Lerngewohnheiten gewandelt. Studierende forschen weniger zu Hause. Lieber schreiben sie ihre Seminararbeiten mit Laptops in den Bibliotheken. Die Bibliotheken sind aus Sicht des Präsidiums nicht mehr nur Bereitsteller von Literatur, sondern „Informationsversorger“. Musste man früher mühsam nach Artikeln in den Inhaltsverzeichnissen wissenschaftlicher Zeitschriften suchen, genügt heute oft die Eingabe eines Stichworts in einer Datenbank – und schon liegen passende Texte in digitaler Form vor.

Verbesserungen wie bei den bisherigen Konzentrationen erwartet sich Lehmkuhl auch von einer Integration der Politik- und Sozialwissenschaften in eine umgebaute UB: Diese habe ohnehin einen Sammelschwerpunkt im sozialwissenschaftlichen Bereich. Es gäbe mehr Leseplätze und der Freihandbestand ließe sich verdoppeln. Gleichzeitig würde am OSI Platz für zusätzliche Hörsäle oder Gruppenarbeitsräume geschaffen.

Doch viele Studierende befürchten Versorgungsengpässe, wenn Exemplare mehrfach vorhandener Bücher beim Umzug aussortiert werden. Hinzu komme der Autonomieverlust des Fachbereichs. Das traditionsreiche Otto-Suhr-Institut ohne eigene Bibliothek? Der Politologe Siegfried Mielke will sich das nicht vorstellen: „Das größte Institut für Politikwissenschaft darf keine Untergliederung der Universitätsbibliothek werden.“ Zudem biete der helle und ruhige Lesesaal an der Ihnestraße eine angenehme Arbeitsatmosphäre, so der Vorsitzende der Bibliothekskommission des Fachbereichs. Der OSI-Institutsrat lehnt den Umzug denn auch derzeit ab. Er forderte die zuständigen Stellen auf, „bis zu einem diesbezüglichen Beschluss des Fachbereichsrates keinerlei Fakten zu schaffen“.

Kritiker wie der Ethnologie-Student David Adam beklagen, an dem von Lehmkuhl eingerichteten Runden Tisch seien Studierende nicht erwünscht. Außerdem habe die FU-Leitung vollendete Tatsachen geschaffen, als sie mitteilte, dass die auszusortierenden Bücher an die Exiluniversität Minsk in Wilna gespendet werden. Adam sieht darin „eine reine PR-Aktion“. Schließlich gebe es bislang niemanden, der den Büchertransport nach Litauen überhaupt finanzieren würde.

Die Vizepräsidentin sieht das anders. Der Bestandsabgleich sei vom Fachbereich bereits 2005 beschlossen worden. Es würden nur Bücher aussortiert, die vielfach vorhanden seien und nicht permanent für die Lehre benötigt würden. Was den Runden Tisch betreffe, werde das Fachbereichs-Dekanat vorschlagen, wer an den Beratungen teilnehmen solle. Die Dekanin Barbara Riedmüller teilte mit, derzeit nicht nachgefragte Bücher würden zunächst doch nicht gespendet, sondern am Standort Lankwitz archiviert. Wie Lehmkuhl betont sie, es handle sich nur um eine „bauliche Integration“, der Fachbereich werde seine fachliche Zuständigkeit behalten. Allerdings will Riedmüller nicht darauf vertrauen, dass die Integrationspläne Wirklichkeit werden: „Wir arbeiten am jetzigen Standort an einer attraktiven Lösung, die auch überlebensfähig ist, wenn es nicht zum Umzug kommt.“

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