Verkürzung der Schulzeit : Geliebter Kinderschreck

Erst haben sich die Hessen gegen das Turbo-Abi gewehrt – jetzt läuft das Gymnasium über.

Frank van Bebber

Im Januar haben Hessens Eltern für ihre Kinder gewählt: Sie entschieden bei der Landtagswahl gegen das von der CDU eingeführte Turbo-Abi. Die CDU brach ein. Kultusministerin Karin Wolff (CDU) trat zurück. Nun, wenige Wochen später, wählen hessische Eltern erneut für ihre Kinder – und entscheiden sich massenhaft für das achtjährige Gymnasium. Wolffs Nachfolger Jürgen Banzer (CDU), mangels klarer Mehrheiten im Landtag nur geschäftsführend im Amt, liest in der Zeitung wieder von Protesten. Diesmal empören sich Mütter und Väter, deren Sprösslinge bei der Wahl ihrer weiterführenden Schule keinen Platz auf dem Gymnasium fanden. In Frankfurt richten zum Sommer vier Gymnasien zusätzliche fünfte Klassen ein. Dennoch werden am Ende wohl rund 60 Schüler auf eine Gesamtschule zwangsverwiesen. „Ambitionierte, wissbegierige und lernwillige Viertklässler werden ausgebremst“, klagen Eltern abgewiesener Kinder.

Auch in Darmstadt oder Marburg überrennen Schüler die Gymnasien. Dabei waren diese monatelang als Kinderschreck geschmäht worden. Der Druck des um ein Jahr verkürzten Turbo-Abiturs mache Schüler krank, zitierte die Lehrergewerkschaft GEW im Wahlkampf Kinderärzte. Nun diagnostiziert mancher im Ministerium verwundert: „Das Gymnasium ist die am heftigsten kritisierte, aber zugleich die begehrteste Schulform.“

Banzer trifft in diesen Tagen vom Massenandrang geplagte Schuldirektoren, während er seinen Elf-Punkte-Plan „Mehr Freiraum für G8“ erläutert. Gestraffter Stoff, weniger Klassenarbeiten und Hausaufgaben, 100 neue Lehrer und eine Klassengröße von höchstens 30 Schülern sollen die Lage entspannen. Die Schulen dürfen entscheiden, ob sie mit der zweiten Fremdsprache ein Jahr später in der Siebten starten. Gymnasien ohne Ganztagesangebot erhalten 60 000 Euro, damit sie Schüler betreuen können. Banzer will keine Zeit verlieren, schon damit die CDU in der Schulpolitik kein leichtes Ziel mehr wird. Der Turbo-Plan gegen die Mängel des Turbo-Abiturs soll bereits im August zum Start des neuen Schuljahrs greifen.

Das freut Schulleiter wie den Direktor des Gymnasiums im südhessischen Gernsheim, Reinhard Bauß. Er ist im Grundsatz für acht Jahre Gymnasium. Doch über „viel zu viel Stoff“ und mangelnde Mittagsangebote hatte er sich wie viele geärgert. Abschreckende Wirkung hat das missratene Turbo-Abitur aber auch in Gernsheim nicht. Die Zahl der Anmeldungen sei hoch wie nie, sagt Bauß, der Sprecher der Leiter der hessischen Gymnasien ist. Für die nächsten Fünftklässler richtet er gerade eine achte Parallelklasse ein. Manche Eltern ließen es trotz G8-Angst drauf ankommen, berichtet Bauß. Sie sagten: „Wenn mein Kind einmal sitzen bleibt, bleibt es auch nicht länger auf der Schule als früher.“ Bei anderen habe der Streit um das Turbo-Abitur den Ruf des Gymnasiums als Eliteschmiede noch gefestigt. Für sie laute die heimliche Botschaft, wer das überstehe, sei besonders gut: „Meinem Kind das Beste, darum ab zu G8.“

Auch die schärfsten Kritiker des schnellen Abiturs verstehen den Drang der Eltern zum Gymnasium. Michaela Kramer-Schwarz vom Elternbeirat in Offenbach hat im Januar die Proteste mitorganisiert. Banzers Pläne sind für sie ein erster Schritt in die richtige Richtung. Nach Jahren als Elternsprecherin habe sie das erste Mal das Gefühl, Kritik komme an. Die Sehnsucht nach einem Platz am Gymnasium erklärt sie aber vor allem als Reaktion auf den Niedergang anderer Schulen. Für den hessischen GEW-Vorsitzende Jochen Nagel haben die Mütter und Väter nur begriffen, welche lebensprägende Entscheidung ihnen das System nach der vierten Klasse aufnötige. Sie wüssten, Umwege zum Abitur funktionierten kaum. Sie trotzten G8 nach dem Motto: „So schlimm wird es schon nicht kommen.“

Für Nagel bleibt die Trennung der Schüler nach der Grundschule ein fataler Fehler: „Da können sie noch gar nicht zielgerichtet wählen.“ Die GEW plädiert weiter für eine längere gemeinsame Schulzeit und hält nichts von Banzers Entscheidung, kooperativen Gesamtschulen ab Sommer die Wahl zwischen G8 und G9 zu lassen. Damit müssten Eltern auch noch entscheiden, ob ein Viertklässler acht oder neun Jahre zum Abitur brauche, sagt Nagel. Doch dank der Grünen ist eine Mehrheit für die Zwitterlösung bei den Gesamtschulen sicher. Die ersten Schulen kehren bereits um. „Die alten Bücher haben wir noch“, sagt Bernhard Schmidt, Gesamtschulleiter in Ziegenhain. „Mit Beginn des Schuljahres ist G8 für uns vorbei.“

Ein Aus für das Turbo-Abitur an Gymnasien scheint dagegen für die Mehrheit im Landtag kein Thema mehr. Die SPD hält zwar an der Idee einer sechsjährigen Mittelstufe fest, auf die zwei oder drei Jahre Oberstufe folgen könnten. Doch CDU und FDP wollen das nicht. Die Grünen mögen Banzers Vorschläge und warnen vor erneuten Schnellschüssen.

Rot-grüne Einigkeit herrscht nur bei der Mahnung, nicht allein den Gymnasien mit Stellen und Geld zu helfen, sondern auch den Real- und Hauptschulen. Die sind die wahren Sorgenkinder des Schulsystems. In Wiesbaden wechseln nur zwei Prozent der Schüler auf die Hauptschule. Anderswo ist es nicht besser. Frankfurt will nun in leer stehenden Hauptschulen Ausweichquartiere für überfüllte Gymnasien einrichten.

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