Schule : Von Treptow nach Ankara

Fast ein Vierteljahrhundert hat Anne-Cathrin Friedrich an einer Berliner Realschule unterrichtet. Dann hat sie sich für den Auslandsschuldienst beworben

Canan Topçu
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Foto: privat

Mut? Nein, den brauchte Anne-Cathrin Friedrich nicht. Nur viel Fernweh und den Wunsch nach Veränderung: Die Lehrerin hat 23 Jahre lang Deutsch und Englisch unterrichtet, 22 Jahre davon an der Hans-Grade-Schule in Treptow, wo sie zuletzt auch Konrektorin war. Jetzt hat sie Treptow gegen Ankara getauscht.

Es ist nicht irgendeine türkische Bildungseinrichtung, an der die 48-Jährige seit Anfang September Deutsch unterrichtet. Die Schule in Çankaya, einem Bezirk in Ankara, ist eine sogenannte Anadolu Lisesi; dort wird Deutsch als erste und zweite Fremdsprache angeboten. Schulen wie diese entstanden ab Mitte der 80er Jahre in vielen türkischen Städten. Sie sollten den Kindern der einstigen Gastarbeiter das Einleben in der Türkei erleichtern. Im Vergleich zu früher sind es nicht mehr allzu viele, die Deutschland verlassen. Aber es gibt immer wieder Familien, die zurückkehren.

Etwa 40 der 500 Jugendlichen, die die Çankaya-Anadolu-Schule besuchen, gehören zu dieser Gruppe. Es sind Jugendliche, die in Köln, Stuttgart oder in einer anderen deutschen Stadt aufgewachsen sind. „In Deutschland waren sie Ausländer, hier sind sie Deutschländer“, sagt Friedrich. Schon an den ersten Schultagen hat sie festgestellt, dass diese Jugendlichen sich mit Identitätsproblemen quälen und mehr unter sich sind. „Ich kann nicht so gut Türkisch sprechen“, das nennt Güler als Grund dafür, dass sie die Pause lieber mit anderen „Deutschländern“ verbringt. Zumal die Einheimischen die Zugezogenen abschätzig behandelten, eben wegen der nicht perfekten Türkischkenntnisse, deutet sie an.

Anders als bei Anne-Cathrin Friedrich fand Gülers Ortswechsel nicht freiwillig statt. „Ich wäre lieber in Köln geblieben“, sagt die 16-Jährige, die sich – wie auch andere Söhne und Töchter von Rückkehrern – der Entscheidung ihrer Eltern beugen musste. Seit drei Jahren lebt Güler in der Türkei, die sie lediglich aus den Ferien kannte. Ihre Lehrerin hingegen wollte ihr Urlaubsland, das sie seit vielen Jahren bereist, zu ihrem Lebensmittelpunkt machen. Vorerst für zwei Jahre, mit der Option zu verlängern.

Wann, wenn nicht jetzt? Eine Frage, die der 48-Jährigen im vergangenen Herbst durch den Kopf ging und sie dazu bewog, sich für den Schuldienst in der Türkei zu bewerben. Ankara war nicht ihre erste Wahl. Die türkische Hauptstadt ist nicht der Ort, in den es deutsche Pädagogen zieht. Wer Erfahrungen in der Türkei sammeln möchte, der will vor allem nach Istanbul. Dass das Bundesverwaltungsamt für Auslandsschulen sie ausgerechnet nach Ankara schicken würde, das hat Friedrich nicht ahnen können. Als sie sich im August in den Flieger setzte, wusste sie nicht, worauf sie sich einließ. Nach vier Wochen lautet ihr Resümee: „Es ist recht beschaulich hier.“ Keine Rede von einem „Kulturschock“.

In Berlin hat Friedrich ihren Kater und ihre erwachsenen Söhne zurückgelassen. Angereist ist sie mit wenigen Wörtern Türkisch und einigen persönlichen Sachen. Denn es sollte nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein Neuanfang werden. Für die Endvierzigerin wurde es aber auch zu einer Reise in die Vergangenheit. Die Fahnenappelle auf dem Hof ihrer neuen Arbeitsstätte weckten Erinnerungen – an die Kindheit und Jugend in der DDR. Dass sich die Schüler in der Türkei zum Wochenbeginn und -ende im Hof versammeln und vor der Landesfahne die Nationalhymne intonieren müssen, das ist eines der Erlebnisse, die Friedrich in ihrem Tagebuch festgehalten hat. Wie auch die Schweigeminute, die Lehrer vor Konferenzen abhalten.

Mit dem Kollegium kommt die Berlinerin gut klar. „Ich finde immer wieder jemanden, der übersetzt“, berichtet Friedrich, die eifrig Türkisch lernt. Ansonsten hat sich Anne-Cathrin Friedrich dafür entschieden, diskrete Zurückhaltung zu ihrer Maxime zu machen. Will heißen: Sie bringt sich nur dann ein, wenn sie darum gebeten wird. „Hier auftauchen und den türkischen Lehrern das Gefühl geben, dass sie den Deutschunterricht nicht gut machen, wie sie es machen, das wäre überheblich“, so beschreibt sie ihren Standpunkt.

Apropos Standpunkt: Wenn Friedrich vor ihrer Klasse steht, dann hat sie stets Atatürk im Rücken. Denn der Gründer der türkischen Republik ist – als Bild oder Büste – in allen öffentlichen Gebäuden und Räumen präsent. So will es das Gesetz. Warum das so ist, sollte nicht hinterfragt werden, auch nicht von einer deutschen Beamtin. Es gibt weitere Themen, die nicht angeschnitten werden sollten, ist ihr auf einem Vorbereitungsseminar in Köln vermittelt worden. Themen, die sich beispielsweise aufs Kopftuch und auf Kurden beziehen. Tunlichst zu vermeiden sei auch, im Klassenzimmer die Situation der Christen in der Türkei anzusprechen. Allzu viel Freiraum hat Friedrich bei der Unterrichtsgestaltung eh nicht. Wie alle Lehrer in der Türkei, unabhängig davon, woher sie kommen und welches Fach sie unterrichten, muss sie ihre Stunden nach einem Schulbuch abhalten, das vom türkischen Erziehungsministerium genehmigt wurde.

Trotz dieser Einschränkung beschreibt sie ihre Arbeitsbedingungen als „geradezu paradiesisch“. Pro Woche gibt sie 21 Stunden Deutschunterricht in sechs Klassen, in zwei davon sitzen knapp 20 Schüler, in den anderen nicht mehr als acht Schüler. Allesamt Jugendliche, die ihren Lehrern Respekt erweisen. „Sie fragen sogar zum Beginn der Pause, ob sie den Klassenraum verlassen dürfen“, sagt Friedrich. Und aus der Art, wie sie das sagt, klingt durch, dass sie dieses Verhalten als Wohltat empfindet. Canan Topçu

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