Zeitzeugen : Wo einst Trinkbrunnen sprudelten

Vieles hat sich verändert in der Sophie-Scholl-Gesamtschule, seitdem Marianne May, geboren 1914, über die Schulkorridore gerannt ist. Eine 94-Jährige kehrt nach Schöneberg zurück.

Karolin Korthase

An die alte Kastanie im Schulhof kann sie sich noch erinnern. Und auch an die Aula, in der damals Andachten und Konzerte abgehalten wurden. Die Kastanie ist in den vergangenen 70 Jahren gewachsen, die Aula wurde zur Schöneberger Stadtbücherei umfunktioniert. Vieles hat sich verändert in der Sophie-Scholl-Gesamtschule, seitdem Marianne May, geboren 1914, über die Schulkorridore gerannt ist.

70 Jahre später läuft sie erneut durch das Schulgebäude. Ihre Familie und der Schuldirektor begleiten sie. Der Besuch der Sophie-Scholl-Schule, die zu ihrer Zeit noch ein Mädchengymnasium war und den Namen Staatliche Augustaschule trug, ist für die 94-Jährige etwas ganz Besonderes: Ihre gesamte Schulzeit hat sie hier verbracht, bis der russische Cellist Gregor Piatigorsky ihr Talent als Geigerin entdeckte und sie nach England ging, weil dort, so sagt sie, „die besten Geigenlehrer der Welt waren“.

Ihre Ambitionen als Violinistin waren nicht der einzige Grund, Berlin zu verlassen: Mariannes Vater hatte 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung seine Anstellung als Notar und Rechtsanwalt verloren und starb kurze Zeit später. Marianne May zog nach London, wo sie auch nach dem Krieg blieb. Deutschland ist für sie schon lange keine Heimat mehr, sondern nur noch Besuchsort.

Die Schüler der neunten Klasse, die Marianne May während einer Musikstunde besucht, hören gebannt zu, als die Besucherin aus ihrer bewegten Vergangenheit erzählt. Die Frau hat jahrelang am Royal College of Music in London unterrichtet und ist sehr an musikalischer Ausbildung interessiert. Sie freut sich sehr, als sie erfährt, dass die Schule nach wie vor einen guten Ruf genießt.

Das Kurzzeitgedächtnis lässt die 94-Jährige inzwischen schon manchmal im Stich, aber bei allen musikrelevanten Themen wird sie sehr gesprächig. Nicht ohne Stolz, erzählt sie den Schülern dann auch: „Ich habe sie alle gekannt, die ganz großen Musiker und Komponisten“, zum Beispiel Benjamin Britten. Und ermahnend fügt sie hinzu, dass, wer groß rauskommen will, mindestens fünf Stunden am Tag üben muss. An dieser Stelle geht ein kollektives Stöhnen durch die Bankreihen. Professioneller Musiker will hier wohl niemand werden.

Nach der Musikstunde besucht Marianne May die heutige Aula und die Mensa. Die Spuren von einst sind kaum noch zu finden. Seit wann gibt es die Trinkbrunnen in den Korridoren nicht mehr?, will die alte Dame wissen. Und warum ist die frühere Aula inzwischen eine Stadtbücherei?

Am Ende des Tages hat die rüstige 94-Jährige zwar nicht viel wiedererkannt, aber sie hat der Sophie-Scholl-Schule ein Stück Geschichte zurückgegeben. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar