Streitfall A 100 : Rasend in den Stau

Am Treptower Park soll die Stadtautobahn enden – vorläufig. Doch schon heute ist die Gegend ein zentraler Verkehrsknoten, wo sich täglich zehntausende Fahrzeuge drängen.

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Januar 2017, Alltag im Berufsverkehr. Die Stadtautobahn, aufgenommen am Spandauer Damm.Weitere Bilder anzeigen
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17.03.2017 08:24Januar 2017, Alltag im Berufsverkehr. Die Stadtautobahn, aufgenommen am Spandauer Damm.

Auf der östlichen Seite der Elsenbrücke gibt es eine Kneipe. Sie heißt Irrenhaus, was ganz gut passt zur Diskussion um die Verlängerung von Deutschlands bekanntester und meistbefahrener Autobahn. Die Elsenstraße mutet schon heute wie eine vielbefahrene Autobahn an, allerdings ohne Lärmschutzwände. An der Einmündung der Puschkinallee dehnt sie sich auf elf Spuren aus, wenn man die gigantisch dimensionierten Radwege mitzählt. Die Gegend rund um die geplante Abfahrt des umstrittenen Bauabschnitts der A 100 zwischen Neuköllner Grenzallee und Treptower Park ist längst zu einem zentralen Verkehrsumschlagplatz auf dem Weg zwischen östlicher Innenstadt und südlicher Peripherie geworden. Über die Puschkinallee fahren Tag und Nacht zehntausende Autos und Lkw durch den Erholungspark, unter mächtigen Platanen auf schnurgeraden Trassen, die zum Rasen verlocken. Ausgebaut wurden die Straßen in den autoverliebten 60er Jahren von der DDR. Die Elsenbrücke sollte die Oberbaumbrücke wenige hundert Meter weiter westlich ersetzen, die seit dem Mauerbau versperrt war.

„Das ist hier Gewerbegebiet“, sagt Torsten Degenkolb vom Café an den Treptowers. Er wünscht sich zwar eine „intelligentere Lösung“ als die Autobahn vor seiner Tür, kann aber die Verkehrsplaner verstehen, die staugetrieben immer weitere Abschnitte des inneren Autobahnrings realisieren wollen. „Versuchen Sie mal, vom Rathaus Lichtenberg zum Rathaus Neukölln zu fahren.“ Subtext: Versuchen Sie es besser nicht.

Für die vielen Firmen im Allianz-Tower und die Händler drumherum wäre die A 100 „eine Erleichterung“, sagt Karin Rüdiger, Managerin des Parkcenters. Allerdings nur, wenn sich die Staus auf der B 96 inklusive dem Nadelöhr Elsenbrücke nicht einfach nur verlagern. Deshalb sollte der nächste Bauabschnitt durch Friedrichshain auch kommen, findet sie. Das Parkcenter wurde Ende der 90er Jahre gebaut, so, dass auf der hinteren Seite Platz für die Autobahntrasse bleibt. „Der Eigentümer hätte sonst viel größer gebaut“, sagt Rüdiger.

An der Elsenstraße werden alte Bürgerhäuser renoviert. Weiter Richtung Neukölln liegt ein Ärztezentrum und dahinter ein großes Areal des Bundeskriminalamtes. Ein massiver Zaun schützt das Gelände, dahinter leuchten Kameras und Lichtmasten das Abstandsgrün aus. Hier würde die Autobahn sicher niemanden stören. Der Wohnkiez beginnt erst in Höhe der Beermannstraße, dort sollen vier Häuser für die Trasse abgerissen werden. Die Bewohner sind naturgemäß Autobahngegner, hängen Protesttransparente aus dem Fenster, aber von organisiertem Widerstand ist wenig zu spüren.

„Die Autobahn wird ja ohnehin gebaut“, sagt Annemarie Lorenz von „Bines Friseurteam“. Sie sei in der Gegend aufgewachsen, zu Mauerzeiten, und möchte sich gar nicht vorstellen, bald über eine Autobahn hinweg in den Treptower Park spazieren zu müssen. Die sechs Fahrbahnen der Elsenstraße seien schon „schlimm genug“. Im Restaurant „Elsenstein“ bereitet sich Inhaber Ralf Lehmann auf den Mittagstisch vor. Er weiß gar nicht, wo die Autobahn genau verlaufen soll, aber wenn sie kommt, wird er sich freuen. Dann ist er abends schneller zu Hause in Rangsdorf.

Bringt die Autobahn mehr Kundschaft? Nein, damit rechnen weder Lehmann noch Centermanagerin Rüdiger. Es sind die Staus zwischen Grenzallee im Westen und Frankfurter Allee im Osten, die sie leid sind. Verkehrstechnisch steht sie halt immer noch, die Berliner Mauer.

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