Botho Strauß : Landhausrefugium in der Uckermark

Botho Strauß gibt kaum Interviews, meidet öffentliche Auftritte, ist die feine, diskrete Zurückhaltung in Person. Und lebt die meiste Zeit zurückgezogen in der Uckermark. Ein Porträt.

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Seismograf. Der Schriftsteller Botho Strauß.
Seismograf. Der Schriftsteller Botho Strauß.Foto: Imago

Max Reinhardt, der glühendste Theater-Zampano des vergangenen Jahrhunderts, hat in seiner großen „Rede über den Schauspieler“ 1928 gesagt, dass Menschen seiner Spezies „ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen“.

Botho Strauß hat als Theaterautor das Spielen vor allem für andere erdacht. Aber wie er seine Kindheit mit sich genommen und als Speicher von Vorbildern und Inbildern sich bewahrt und anverwandelt hat, das legt er erstmals in diesem Herbst ganz offen. Nur 96 Seiten misst das dunkelgrüne jüngste Bändchen im Hanser Verlag, das ohne Genrebezeichnung den Titel „Herkunft“ trägt. Heute nun feiert Strauß seinen 70. Geburtstag. Er, der nach seinen Anfängen als Kritiker und Redakteur der Zeitschrift „Theater heute“ zu Beginn der 1970er Jahre nach Berlin als Dramaturg an Peter Steins Schaubühne ging und dann freier Schriftsteller wurde, Strauß lebt seit längerem die meiste Zeit des Jahres in seinem geräumigen Landhausrefugium in der Uckermark. Gibt kaum Interviews, meidet öffentliche Auftritte, ist die feine, diskrete Zurückhaltung in Person.

Nur beim "Hauptmann von Köpenick" einmal selbst auf der Bühne

Umso überraschender und erheiternder wirkt da in seinem schmalen starken Erinnerungsbuch die Mitteilung, dass Botho Strauß zwar nur ein Mal selber auf der Bühne gestanden hat, in einer Schüleraufführung, doch immerhin in der Titelrolle: als Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“. Der Primaner und künftige scheue Dichter spielte den leutselig schlauen Hochstapler, den gutmütigen Täter im Lichtschein der Komödie. Eine schöne Pointe.

Das viel besprochene „Herkunft“-Büchlein (vgl. Tsp. vom 28. Oktober), quasi des Autors eigenes Geburtstagspräsent, wird, abgesehen von einigen anrührenden Passagen über die geliebte, stille, ins Pflegeheim abgeschiedene Mutter, vornehmlich als Strauß’ Erzählung vom Vater gelesen. Der einzige Sohn Botho ist 1944 in der Domstadt Naumburg geboren, doch als der Vater nach 1945 in der frühen DDR als Mitbesitzer eines pharmazeutischen Unternehmens enteignet und drangsaliert wurde, nahm er Frau und Kind in den Westen. Die bewusst erlebte Herkunftsstadt ist nun Bad Ems, wo auch schon Wagner oder Dostojewski gekurt hatten. Der seit einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg einäugige Vater ist dort ein strenger, doch liebevoller Bildungsbürger. Der Sohn empfindet sich darum im Rückblick auf die Studentenbewegung vor und nach 1968 nicht als „fröhlicher Waisenknabe der Rebellion“. Er ist kein Vatermörder, wird kein Herkunftsverleugner – obwohl er als junger Theaterkritiker und Schaubühnendramaturg zumindest kurzzeitig, kurzzeitgeistig sehr wohl den antibürgerlichen, salonsozialistischen Habitus gepflegt hat.

Auf der Suche nach der nie ganz verlorenen Zeit

Davon ist in dem Buch nun nicht die Rede. Es deutet auch die spätere eigene Karriere allenfalls an. „Herkunft“ zeigt in der haarscharfen Reflexion dessen, was Gedächtnis vermag (oder bewusst unbewusst verbrämt), vielmehr die Fundamente und Fermente der Strauß’schen Literatur. Im Geisterhaus der Eltern und seiner Kindertage ist der Autor auf der Suche nach der nie ganz verlorenen Zeit und zitiert nicht Proust, sondern den heute fast vergessenen Dichter Wilhelm Lehmann: „Ich bin die Dauer des Vorbeis.“

Mit Stücken wie der „Trilogie des Wiedersehens“, mit „Groß und klein“, „Kalldewey, Farce“, „Die Zeit und das Zimmer“ wurde Botho Strauß ab Anfang der 70er Jahre neben Heiner Müller und Peter Handke zum bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker. Zum Seismografen seiner Zeit – der im Kobold namens Kalldewey wohl schon das Aidsvirus erahnte. Der 1991 im „Schlusschor“ früh die Geister und auch Gespenster der deutschen Wiedervereinigung tanzen sah.

Sein Essay-Band „Paare Passanten“ von 1984 ist bis heute die poetisch schärfste Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik, und wie kein anderer hat Strauß, der Kulturkonservative, die Umwälzungen durch Computer, Virtualität und neueste Neurobiologie erspürt. Manches wirkte, vom mystizistischen Großroman „Der junge Mann“ über den „Bocksgesang“-Essay bis zu fragilen späten Prosaszenen, mitunter überfrachtet. Aber in „Herkunft“ ist der Dichter in der Leichtigkeit, die so schwer zu machen ist, wieder wunderbar luzide bei sich. Diesseits und jenseits der „Sprachgitter“ (von Paul Celan), die er sein Gefängnis nennt. Doch ist die Literatur mit ihrer notwendigen „Bestürzung“ sein und aller seiner Leser Reich der Freiheit.

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