Landwirtschaft in der Uckermark : Gestörtes Idyll

In der Uckermark stand die Zeit lange still. Im Streit um zwei Hühnerställe prallen nun Tourismus und Landwirtschaft aufeinander. Ein Besuch.

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Nur die Hälfte. Nur wenige hundert Meter von diesem Stall ist noch ein zweiter im Bau. Knapp 80 000 Hühner sollen in Kürze in den Anlagen „einziehen“.
Nur die Hälfte. Nur wenige hundert Meter von diesem Stall ist noch ein zweiter im Bau. Knapp 80 000 Hühner sollen in Kürze in den...Foto: Thilo Rückeis

An diesem Tag im Januar, so scheint es, geht im Paradies die Welt unter. Auf dem Bauernhof in Sternhagen eilen sonst Hühner durch den Garten, weiden Kühe auf der Wiese, streichen Katzen um die Ecken des alten Backsteinhauses. Heute nicht. Heute prasselt in der Uckermark der Regen vom Himmel, Sturm fegt über den Hof hinweg. Bauer Stephan Zoch stapft in Gummistiefeln durch den Matsch. Er öffnet die Tür zu einer kleinen Hütte, hier haben sich seine Hühner und Hähne im Stroh verkrochen. Um sie macht er sich Sorgen.

Die Bedrohung ist nicht das Wetter. Was Zoch und viele andere hier fürchten, ist gerade im Bau – nicht weit von seinem Hof, ein Stück den Hügel hinauf. Dort entstehen derzeit zwei große Freilandställe, die schon in einigen Monaten insgesamt knapp 80 000 Legehennen beherbergen sollen. Bereits im Frühjahr könnte die Eierproduktion beginnen. Doch wenn es nach den Gegnern des Projekts geht, wird das nicht passieren. Die Bürgerinitiative „Contra Industrie-Ei Uckerseen“, der auch Zoch angehört, kämpft seit Wochen gegen den Bau. Sie befürchten Umweltbelastungen und Schäden für die lokale Tourismuswirtschaft. Dass die Ställe unweit des Naturschutzgebietes Charlottenhöhe und des idyllischen Unteruckersees liegen, kommt hinzu.

"Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt"

„Der Bau der zweiten Anlage hätte gar nicht genehmigt werden dürfen“, sagt Johanna Michel. Die zierliche blonde Frau sitzt mit Zoch und anderen Mitgliedern der Bürgerinitiative im Esszimmer eines Bekannten, der in der Gegend eine Alpakazucht betreibt. Draußen stürmt es noch immer, die Verbündeten beratschlagen sich bei Tee und Kaffee an einem großen hölzernen Esstisch. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, als der Bau bereits begonnen hatte. Da waren schon riesige Erdmassen bewegt worden, um die Fläche zu planieren“, erzählt Michel. Sie besitzt mit ihrem Mann in der Nähe ein für seine Architektur preisgekröntes Ferienhaus.

In der Uckermark prallen Interessen aufeinander

Michel, Zoch und zwei Dutzend andere Betroffene fühlen sich ausgetrickst. Für Ställe ab 40 000 Hühner ist normalerweise eine umfangreiche Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig, die Öffentlichkeit wird am Genehmigungsverfahren beteiligt. Doch das ist hier nicht passiert. Die beiden umstrittenen Ställe werden jeweils 39 990 Hühner beherbergen. Sie liegen auf getrennten Flurstücken. Landwirt Jürgen Mittelstädt und seine Frau Kerstin haben sie als Zollchow I und II nahe Sternhagen einzeln beantragt. Das Landesumweltamt erteilte die Genehmigung. „Die Anlagen stehen räumlich und betriebstechnisch nicht im Zusammenhang“, heißt es in einem Schreiben des Landesumweltministeriums.

Für die Anwohner der umliegenden Dörfer ist das eine Farce. Die Grenzen der beiden Anlagen sind lediglich 450 Meter voneinander entfernt, die Antragsteller sind verheiratet. „Wenn das durchgeht, haben wir hier in zehn oder 20 Jahren Dutzende Argrarindustrieanlagen“, glaubt Michel.

In der Uckermark liegen die Dörfer wie zufällig in die wellige Landschaft gestreut, die Wege zwischen den Orten sind weit. Zwischen Ortseingang und Ausgang liegen oft nur ein Dutzend Häuser. Es ist eine Gegend, in der die Zeit lange stillstand. Jetzt prallen hier Interessen aufeinander. Nachhaltigkeit gegen Industrie. Tourismus gegen Landwirtschaft im großen Stil.

Der Konflikt ist längst eskaliert

Doch diejenigen, die das besonders zu spüren bekommen, wollen nicht mehr reden. Alles sei bereits gesagt, erklärt Hanka Mittelstädt, die Tochter der Landwirtsfamilie, am Telefon. Mitte Dezember haben sie Pressevertreter und Politiker über die Baustelle geführt, Interviews gegeben. Immer wieder standen sie in der Kritik. Über Weihnachten wollte die Familie zur Ruhe kommen. Funktioniert hat das nicht. Ihre Mutter, so sagt Hanka Mittelstädt, sei von Mitgliedern der Bürgerinitiative angegriffen worden, als diese an der Baustelle fotografieren wollten. Was genau da passiert ist – von außen ist das schwer zu beurteilen. Die Mitglieder der Bürgerinitiative sagen, es hat nie Gewalt gegeben. Kerstin Mittelstädt aber hat Anzeige erstattet. Der Konflikt, er längst eskaliert.

Hinter dem Baustellenzaun wurden bereits Erdmassen bewegt und die Fläche für einen der neuen Ställe planiert.
Hinter dem Baustellenzaun wurden bereits Erdmassen bewegt und die Fläche für einen der neuen Ställe planiert.Foto: Thilo Rückeis

Wer trotzdem wissen will, wie es aussieht auf dieser Baustelle, um die es so viel Streit gibt, der muss selbst von Sternhagen aus den Hügel hinauffahren. Hier wird jedes Schlagloch zum See, der Boden ist schlammig. Bald taucht das Skelett des flachen Gebäudes mit dem roten Dach auf, es ist schon zur Hälfte eingezäunt. Erde liegt zu stattlichen Hügeln aufgeschaufelt. Weiter hinten, wo die zweite Anlage entstehen soll, da zucken Blitze.

Dass die Anlage überhaupt genehmigt wurde, ist auch aus der Sicht von Axel Heinzel-Berndt „rechtsfehlerhaft“. Er arbeitet in der Geschäftsstelle des BUND in Potsdam. Seine Organisation hat im Dezember beim Verwaltungsgericht Potsdam Klage gegen diese Genehmigung eingelegt. „Massentierhaltung belastet immer die Umwelt. Stickstoff wird an die Luft abgegeben. Durch die Ausbringung von Gülle und Festmist gelangt der Stickstoff auch ins Grundwasser.“ Dazu kommt, dass in unmittelbarer Nähe zu den neuen Anlagen auch die Rotbauchunke, eine seltene, froschähnliche Lurchart, ihr Zuhause hat. Ihre Wanderwege würden durch die Auslaufflächen der Hühner unterbrochen, sie könnte totgepickt werden, fürchten die Umweltschützer.

Nach dem Sturm: Die Hähne und Hühner trauen sich wieder nach draußen.
Nach dem Sturm: Die Hähne und Hühner trauen sich wieder nach draußen.Foto: Thilo Rückeis

Bauer Stephan Zoch beschäftigen vor allem die multiresistenten Keime, die aus den Ställen auf dem Hügel kommen könnten, wenn Antibiotika prophylaktisch dem Futter beigemischt werden. Er selbst hält neben Schweinen, Pferden und Kühen auch 600 Hühner, Enten und Gänse. Der 37-Jährige ist kein Ökobauer, er betreibt konventionelle Landwirtschaft. In seinem Hofladen stehen Hausmacherleberwurst und Gänseschmalz zum Verkauf, an großen Haken hängen Salamiwürste. „Mir haben sie noch nachhaltige Landwirtschaft eingebläut“, sagt er. Zoch versucht es zu vermeiden, seinen Geflügeltieren Antibiotika zu verabreichen. „Ich will sie ja selber essen.“ Doch wenn in den großen Ställen Krankheiten ausbrechen, könnten seine Tiere ebenfalls bedroht sein.

Landwirtschaft in der Uckermark, das ist für viele hier eine emotionale Angelegenheit. Doch es ist auch ein knallhartes Geschäft. Mittlerweile hat Brandenburg für Investoren an Attraktivität gewonnen. Anders als in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen ist der Viehbesatz noch relativ gering. Die Landwirtschaftsbetriebe sind oft Nachfolgereinrichtungen der LPGs aus DDR-Zeiten. Das bedeutet: große Flächen, die genug Platz bieten, um auch das Futter für die Tiere anzubauen und deren Kot zu entsorgen. „Deshalb kommen Investoren nach Brandenburg und tun sich hier mit heimischen Bauern zusammen“, sagt BUND-Mann Heinzel-Berndt.

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