Betriebsversammlung : Pfiffe für den Chef des Aufsichtsrates

Mitten im Chaos sehen die S-Bahn-Beschäftigten den Aufsichtsrat in der Verantwortung für das Desaster. Wiederholt hätten die Arbeitnehmer bei der Versammlung den Rücktritt von Aufsichtsratschef Schulenburg gefordert, während dieser die S-Bahn als Opfer fehlkonstruierter Fahrzeuge dargestellt habe.

Ralf Schönball

BerlinNeben dem Schlagbaum am S-Bahn-Betriebswerk Schöneweide haben Mitglieder der Bahngewerkschaft Transnet Transparente ausgerollt. „Arbeitsplätze schaffen – Leiharbeit beenden“ steht darauf. Zugführer, Techniker und Fahrdienstleiter der S-Bahn laufen vorbei und zücken am Pförtnerhäuschen den „Konzernausweis“: Strenge Kontrollen verhindern den Zutritt von Betriebsfremden zur ersten Mitarbeiterversammlung mit der neuen Geschäftsführung der S-Bahn in der Köpenicker Lackhalle. Betriebsinterna sollen nicht nach außen dringen – zum Beispiel das Pfeifkonzert gegen den Chef des Aufsichtsrates, Hermann Graf von der Schulenburg. Mehrere S-Bahner berichten anschließend davon.

Mitten im Chaos, das mit dem Abgang der alten Geschäftsführung noch längst nicht beendet ist, sehen die S-Bahn-Beschäftigten den Aufsichtsrat in der Verantwortung für das Desaster. Wiederholt hätten die Arbeitnehmer bei der Versammlung Schulenburgs Rücktritt gefordert, während dieser die S-Bahn als Opfer fehlkonstruierter Fahrzeuge dargestellt habe, wird berichtet.

Der Ärger der S-Bahner rührt auch daher, dass Schulenburg dem Bahnkonzern angehört, der der S-Bahn den radikalen Sparkurs aufgezwungen hat. Viele machen den Renditehunger der Bahn für das Chaos verantwortlich: „Hätte die S-Bahn nicht 56 Millionen Euro an die Bahn abführen müssen, dann hätte man die Züge regelmäßig warten und mehr Personal einstellen können“, sagt etwa Fahrdienstleiter Andreas Ballentin.

Ähnlich sieht das Lokführer Christian Dyhr: „Die wollten einsparen und optimieren – und jetzt kostet das mehr als es bringt“, sagt er. Den Ausnahmezustand bekomme er täglich zu spüren: „Bei der Abfertigung der Züge an den S-Bahnhöfen laden die Kunden ihren Frust bei uns ab“, sagt er. Er sei „sehr nahe am Kunden“: Denn die Zugfahrer sind neuerdings zugleich „Schaffner“ und fertigen ihren Zug selbst ab, weil das Bahnhofspersonal größtenteils eingespart worden ist.

Rund 600 Mitarbeiter der S-Bahn nahmen an der Betriebsversammlung teil. Viele sagen anschließend aber auch, man müsse der neuen Geschäftsführung Zeit geben, sich einzuarbeiten. Deshalb haben manche auch Verständnis dafür, dass diese sich bisher bedeckt hält.

Klar wird an diesem Tag aber auch: Die Probleme mit den S-Bahn-Wagen der Baureihe 481 werden den Betrieb viel länger einschränken als zunächst erwartet; vielleicht bis weit ins nächste Jahr. „Alle Achsen müssen ausgetauscht werden“, sagt zum Beispiel Heiner Wegner, Betriebsratschef der S-Bahn. Ein Teil dieses Problems sei hausgemacht: Weil es zu wenig Personal und zu wenig Werkstätten gebe, seien die Abstände zwischen den Wartungen zu groß gewesen, sagt ein Lokführer. Auch deshalb gelten Schadenersatzforderungen gegen den Hersteller der Wagen allgemein als chancenlos.

Wetten auf ein Ende der Einschränkungen im S-Bahn-Verkehr will deshalb niemand eingehen – „vor Oktober schon gar nicht“, heißt es.

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