Der Tagesspiegel : Bittere Wahrheiten im Lügenmuseum

Weil der Betreiber keine Miete zahlt, droht van Goghs Ohr und anderen Stücken die Zwangsversteigerung

Claus-Dieter Steyer

Gantikow - Im Lügenmuseum wird erneut heftig gestritten. Vom Ausgang hängt diesmal ernsthaft die Existenz der skurrilen Sammlung im 90 Kilometer nordwestlich Berlins gelegenen Gutshaus Gantikow bei Kyritz ab. Museumschef Reinhard Zabka, weit vor der Wende in der kritischen Kunstszene in Prenzlauer Berg etabliert, ist in die Mühlen der vielen Gesetze am Arbeitsmarkt geraten. Nun kann er die Miet- und Betriebskosten für das Anwesen nicht mehr bezahlen und muss sein 15 Jahre altes „Museum mit nationaltherapeutischer Wirkung“ wohl zumachen.

Der Streit, in dessen Verlauf auch schon die Polizei gerufen wurde, tobt dabei zwischen Mieter und Vermieter. Zabkas Widerpart heißt Bert Ludwig und ist Vorstandsmitglied des in Weimar beheimateten Vereins „Offene Häuser“. Dieser kaufte vor einem Jahr das Gutshaus mit Museum, weil Zabka vor dem finanziellen Ende stand: Das Arbeitsamt Kyritz forderte von ihm 40 000 Euro zurück, weil er mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gegen die Auflagen verstoßen hatte. Die Beschäftigten halfen nicht nur beim Museumsbetrieb, sondern führten unerlaubt Handwerkerarbeiten im Haus aus. Und einige von ihnen machten auf die Gesetzesverletzung selbst aufmerksam – um das Klima im Lügenmuseum war es offensichtlich nicht zum Besten bestellt.

Der Verein „Offene Häuser“ erschien da als Retter. Seine Wurzeln liegen im kirchlichen Bereich und reichen bis in DDR-Zeiten zurück. Junge Menschen hatten unter seiner Ägide Pfarrhäuser und Dorfkirchen vor dem Verfall gerettet. Bis heute organisiert der Verein Kunstprojekte und Jugendcamps, so dass ihm die Unterkunftsräume im Gutshaus sehr willkommen waren. „Wir sind bis heute an der Öffnung des Lügenmuseums interessiert“, versichert Bert Ludwig vom Häuser-Verein. „Aber das Museum nimmt mit rund 600 Quadratmetern ein Drittel der Gesamtfläche ein. Dafür muss Herr Zabka Miete und Betriebskosten zahlen“, sagt Ludwig. „Als gemeinnütziger Verein können wir seinem Ansinnen nicht entsprechen und für ihn eine Ausnahme machen. Er muss sich an die Gesetze halten.“

Die Mietrückstände beziffert Ludwig auf eine Summe „zwischen 10 000 und 20 000 Euro“. Nachdem mehrere gesetzte Fristen zur Begleichung der Schulden verstrichen waren, läuft gegen den arbeitslosen Zabka jetzt ein gerichtliches Mahnverfahren. Dieser spricht inzwischen von einem „unvorteilhaften Mietvertragswerk“, das er nie hätte unterschreiben dürfen.

Jetzt fürchtet Zabka um seine rund 1000 Exponate, darunter das Ohr von Vincent van Gogh, das Geburtszimmer von Willy Brandt, den Wanderschuh von Theodor Fontane. Sie könnten zwangsversteigert werden. Einige seiner Freunde haben ihre als Leihgabe überlassenen Werke bereits abgeholt. Immerhin steht das Haus nach einigen Tagen unfreiwilliger Pause gegenwärtig wieder offen. Die Eintrittsgelder der Besucher sind im Moment Zabkas letzte Hoffnung.

Lügenmuseum, Gantikow, Am Anger 1, geöffnet täglich von 11 bis 18 Uhr, Telefon 033971/54782, im Internet: www.luegenmuseum.de. Zu erreichen ist es über die Ausfahrt Neuruppin der Autobahn A 24 Berlin-Hamburg, von dort weiter nach Kyritz, im Ort auf der B 103 in Richtung Pritzwalk, nach sechs Kilometern Abzweig nach Gantikow. Eintritt vier Euro, Kinder und Radfahrer die Hälfte.

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