Brandenburg blöckt : Keinen Bock auf Schafe

Arno Laube, 66, zieht Tag für Tag mit seinen 300 Tieren durch Brandenburg. Dem Berufsstand geht’s schlecht: Nachwuchs und finanzieller Anreiz fehlen. Laube ist einer von 1200 Schäfern in der Region.

Katrin Lechler

ZinndorfKein Wind, kein Regen und sogar ein bisschen Sonne, kurzum: Es ist ein guter Tag für Wanderschäfer Arno Laube. Seit 9 Uhr am Morgen ist er nun schon bei seinen Schafen auf einer Weide, hier bei Strausberg. Für diesen schönen Futterplatz hat er seine Herde am Tag zuvor zehn Kilometer über Feldwege und Straßen getrieben. Bis zur Dämmerung wird Arno Laube, 66, sich um lahmende Hufe kümmern, appetitlose Schafe untersuchen und beobachten, welches Schaf wohl als Erstes seine Lämmer bekommt. Wenn es losgeht, wird er im Zweistundentakt Lämmchen auf die Welt befördern – auch in der Nacht.

Für viele Menschen ist so ein Knochenjob unvorstellbar, zumal der Verdienst als selbstständiger Schäfer nicht gerade üppig ist. Auf 1200 Euro kommt ein Schäfer im Monatsdurchschnitt nach Angaben des brandenburgischen Agrarministeriums. Laube verdient rund 1500 im Monat. „Wenn ich keinen Nachfolger finde, werde ich den Betrieb aufgeben müssen“, sagt er. Vielen Schäfern in Brandenburg geht es ähnlich: Sie gehen auf die Rente zu, doch junge Kollegen rücken nicht nach. Deshalb nimmt nicht nur die Zahl der hauptberuflichen Schäfer seit einigen Jahren ab, auch der Schafbestand im Land geht zurück. Zählte der Schafzuchtverband im Jahr 2000 noch 167 000 Schafe in Brandenburg, so sind es heute nur noch rund 129.000.

Bis vor kurzem erhielten die Schäfer nämlich für jedes Mutterschaf eine Prämie. „Diese agrarpolitischen Maßnahmen wurden abgeschafft, um die Betriebe anzuspornen, sich nach den Bedürfnissen des Marktes auszurichten“, so Hartmut Aust, Referent für Tierzucht im Brandenburger Landwirtschaftsministerium. „Vorher hat es durch die Prämien einen Zwang zu großen Herden gegeben, heute stehen nur noch Tiere auf der Weide, die wirklich produzieren.“ Arno Laube hat rund 300 Tiere.

Diese Mutterschaftsprämien bescherten den Schäfern einen Großteil ihres Einkommens. Zwar wurde der Wegfall mit einer Zahlung für die Landschaftspflege kompensiert – die Schafe halten durch ihren Verbiss die Grasdecke stabil, etwa auf Flussdämmen –, aber auch diese Prämie läuft 2013 aus. Dann wir es eng für die Schäfer, vor allem für die Wanderschäfer, die meistens keine eigenen Flächen besitzen. „Dafür wird eine Lösung gefunden“, sagt Tierzucht-Referent Hartmut Aust.

Wahrscheinlich in Form einer neuen Förderung, und zwar möglichst aus EU- und nicht aus Landesmitteln, hofft die Landesregierung. Dabei würde Wanderschäfer Arno Laube am liebsten von seinen Produkten leben, von Milch, Wolle und Fleisch, statt wieder auf der Lohnliste einer Verwaltung zu stehen: „Ich habe immer gedacht, wer die schönsten Schäfchen hat, der kriegt das schönste Geld“, sagt Laube. „Das schönste Geld kriegt man aber mit den schönsten Anträgen.“ Von den Einnahmen durch Wolle und Fleisch können die Schäferbetriebe in Brandenburg jedenfalls nicht leben. Zu mächtig ist die Konkurrenz: „Der Personalaufwand in Großbritannien oder Neuseeland, wo mehrere tausend Schafe pro Betrieb bewirtschaftet werden, ist viel geringer“, so Christoph Behling vom Brandenburgischen Schafzuchtverband. Der Lammfleischpreis ist im Gegensatz zu vielen anderen Lebensmittelpreisen sogar leicht gesunken – während die Nebenkosten gestiegen sind.

Es ist kühler geworden, und Arno Laube zurrt sein Bandelier, seinen Ledergurt zum Anleinen der beiden schwarzen Schäferhunde, fest. Er will mit seinen Schafen noch auf eine frische Weide, bevor sie zur Nacht wieder hinter den Pferch, einen tragbaren Zaun, kommen. „Jeder Tag, den die Tiere nicht im Stall sind, hilft Geld zu sparen“, sagt er und pfeift nach seinem Hund.

In Brandenburg leben bis zu 200 hauptamtliche Schäfer sowie 1000 Hobbyschäfer. Die meisten von ihnen besitzen kleine und mittelgroße Betriebe mit 100 bis zu 1000 Schafen. Für die extensive Nutzung von Land – wenn die Schafe beispielsweise das Gras auf den Oderdämmen fressen – bekommen die Schäfer rund 100 Euro pro Hektar. Diese Prämie soll bis 2013 wegfallen. (kle)

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