Der Tagesspiegel : Bundesgartenschau in Potsdam: Auf Wachstumskurs

Claus-Dieter Steyer

Die Gruppe der aus Süd- und Westdeutschland angereisten Journalisten zückte beim Anblick der Stiefmütterchen wie auf Kommando die Fotoapparate. "Endlich Blumen, endlich Farben", sagt die vom Reutlinger Generalanzeiger nach Potsdam entsandte Kollegin. Sie könne schließlich keine Reportage über die Bundesgartenschau (Buga) ohne ein passendes Motiv anbieten. Mangels Alternative müsse eben die Rabatte mit den kleinen roten und blauen Blumen genügen. Viel lieber hätte sie natürlich einen großen "blühenden Eindruck" von der Buga-Stadt mit nach Hause genommen.

Buga-Pressesprecherin Sigrid Sommer hebt die Schultern. "Wir hoffen jeden Tag auf wärmeres Wetter. Der kalte März hat die Vegetation stark gebremst." Deshalb seien die meisten Bäume und Sträucher noch kahl und die Grassaaten noch nicht aufgegangen. Doch auch beim Gang über zahlreiche Baustellen kommen Zweifel, ob denn die Schau tatsächlich am 21. April eröffnet werden kann. Überall wird gehämmert, gebuddelt, aufgebaut und abgeräumt und gestrichen. Die Pressesprecherin verbreitet aber Optimismus: "Es wird zwar knapp, aber wir schaffen es. Wahrscheinlich wird der Bundeskanzler vorn durch das Tor schreiten, während hinten noch die letzten Gerätschaften weggeräumt werden." In den kommenden zehn Tagen kämen Baufirmen, Gärtner und viele andere Helfer um Nachtschichten nicht herum. 500 der besten Gärtner aus der ganzen Bundesrepublik sind noch bei der Durchgestaltung der 73 Hektar großen Buga-Fläche. Der Kartenvorverkauf ist längst angelaufen: Bis Mitte März dieses Jahres wurden knapp 50 000 Karten verkauft, davon rund 10 000 als Dauerkarten.

Ansteckendes Baufieber

Der hohe Zeitdruck liegt nicht allein am Wetter. Vielmehr hat die in der 50-jährigen Buga-Geschichte einmalige Idee ganz Potsdam seit dem Zuschlag Ende 1995 in eine große Baustelle verwandelt. Denn im Unterschied zu den Vorgängern in Cottbus und Magdeburg gibt es diesmal nicht nur ein zentrales Gartenschaugelände. Gleich vier so genannte Kulissen sollen dem Motto "Gartenkunst zwischen gestern und morgen" gerecht werden. Neben dem 73 Hektar großen Buga-Park im Bornstedter Feld - eingebettet zwischen dem Pfingstberg mit dem gerade eröffneten Belvedere und dem Ruinenberg am Schloss Sanssouci - leuchtet das Logo auch auf der Freundschaftsinsel am Hauptbahnhof, in der historischen Innenstadt mit dem Lustgarten des ehemaligen Stadtschlosses sowie in der Feldflur am nordwestlichen Stadtrand.

Viele private Hauseigentümer, Unternehmen und Sponsoren ließen sich von dem Baufieber anstecken. So stehen zahlreiche Gerüste, Sperrschilder oder Staubwolken gar nicht im Zusammenhang mit der Buga. "Gerade das wollten wir erreichen", freut sich Oberbürgermeister Matthias Platzeck. "Die Buga sollte die Stadtentwicklung entscheidend voranbringen." Das habe wunderbar geklappt. Grafik:
Kulissen der Bundesgartenschau Experten schätzen die in den vergangenen fünf Jahren verbauten Investitionen auf zwei Milliarden Mark. Die Buga kostet 311 Millionen Mark, wovon 250 Millionen in dauerhafte Investitionen flossen. Diese Viertelmilliarde ist verachtfacht worden - von Wohnungsbau-Unternehmen, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, der Weißen Flotte, dem Hamburger Versandhausgründer Werner Otto, der Reemtsma-Stiftung und vielen anderen. Hotels entstanden neu oder wurden ausgebaut, Straßen erhielten neue Beläge und Straßenbahnen zusätzliche Strecken, Radfahrern steht ein erweitertes Wegenetz zur Verfügung, der in den sechziger Jahren zugeschüttete Stadtkanal ist auf 120 Metern wieder erlebbar und schließlich steht vom Fortunaportal wenigstens schon das Fundament.

Über diese unvollständige Aufzählung dürften sich all jene wundern, die vor sechs Jahren vehement gegen die Bewerbung Potsdams ins Feld gezogen waren. "Ausgemachtes Paradox" und "Geldverschwendung" lauteten einige Schlagzeilen. Eine Stadt der Parks und Schlösser brauche doch nicht noch ein zusätzliches Buga-Gelände. Das wären doch aus dem Fenster geworfene Fördermittel, meinten die Zweifler. Andere Orte gerade im Osten könnten das Geld bestimmt viel nutzbringender verwenden.

Doch die Befürworter überzeugten mit heute fast vergessenen Argumenten. Wenn es 1995 mit der Abstimmung über die Länderfusion geklappt hätte, wäre Potsdam gemeinsame Landeshauptstadt geworden. Die sollte mit einer Buga herausgeputzt werden. Außerdem zogen ein Jahr zuvor die letzten russischen Soldaten aus der Stadt ab. Für das 300 Hektar große Kasernen- und Übungsgelände im Bornstedter Feld hinter dem Park Sanssouci, in dem 250 Jahre lang unterschiedlichste Armeen residierten, waren neue Ideen gefragt. Sinnfälligerweise wird am 22. April auf dem Areal das ökomenische Begegnungszentrum "BrückenHaus" eröffnet. Ein neuer Park mit einem Wohngebiet für mehrere Tausend Menschen soll weitere Probleme des historisch vorbelasteten Geländes lösen. Doch beim Wort Park meldeten sich wieder die Zweifler. Eine neue Anlage sei unnötig, wo doch das Geld nicht einmal für die Unterhaltung vorhandener Anlagen reichte. Buga-Geschäftsführer Jochen Sandner schüttelt heute den Kopf. "Unser Park ist ganz anders, ein echter Volkspark. Er ergänzt und entlastet die historischen und denkmalgeschützten Anlagen." Denn hier sei auch Skaten, Bolzen und Spielen erlaubt. Auch blinde, taubblinde und sehbehinderte Menschen sollen auf ihre Kosten kommen. Obwohl im Park Hundeverbot gilt, dürfen Menschen mit Behinderungen Begleithunde mitführen. Zum Angebot gehören die unentgeldliche Ausleihe von Rollstühlen, ebenso wie Führungen von Behindertengruppen.

Trotz der vielen neuen Bauten spürt der Besucher in der Stadt noch keine ausgesprochene Euphorie oder große Vorfreude auf das Ereignis. Pressesprecherin Sommer hält das nicht für beunruhigend. "Wenn der Potsdamer sagt, da könne man nicht meckern, ist das schon ein riesiges Lob", gibt sie eine gerade für Berliner nicht überraschende Erklärung. Andererseits fällt mit dieser Mentalität auch die Kritik an nicht geschafften Projekten recht zaghaft aus. So sollte ein 10 000 Quadratmeter großer blauer Teppich zusammen mit vier Türmen auf den Ecken die Ausmaße das Stadtschlosses symbolisieren. Doch für das 600 000 Mark teure Material gab es keine Fördermittel, so dass der Oberbürgermeister "schweren Herzens" darauf verzichten musste.

Die Buga-Besucher werden das Fehlen des Teppichs verschmerzen. Sie wollen eine blühende Stadt erleben. Dafür müssen jetzt endlich die Temperaturen steigen. Sonst gibt es zumindest in den ersten Tagen tatsächlich nur Stiefmütterchen als Foto-Motiv.

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