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Busunglück : Platzeck: Eines der schwersten Unglücke in Brandenburg

Nach dem schweren Busunglück mit 13 Toten schwebt ein Opfer weiterhin in Lebensgefahr. Gegen die Fahrerin des beteiligten PKW wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. In Polen hat der Unfall eine Debatte über Gurtpflicht entfacht.

von , und Thorsten Scheimann
Der Bus war offenbar mit diesem roten Mercedes zusammengeprallt.
Der Bus war offenbar mit diesem roten Mercedes zusammengeprallt.Foto: rtr

Nach dem Busunglück mit 13 Toten bei Berlin hat die Staatsanwaltschaft Potsdam Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Das Fahrzeug der 37-jährigen mutmaßlichen Unfallverursacherin sei sichergestellt worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Ralf Roggenbuck am Montag. Auch der Zustand des Busses werde genau untersucht. Außerdem hätten die ersten Obduktionen der Toten im Gerichtsmedizinischen Institut Potsdam begonnen. Sie seien richterlich angeordnet worden. Wann die Opfer freigegeben werden, konnte Roggenbuck noch nicht sagen.

Der schwere Unfall hat am Sonntag 13 Menschen das Leben gekostet, 32 Verletzte befinden sich noch in stationärer Behandlung. Drei davon mussten von den Ärzten in ein künstliches Koma versetzt werden. "Die Patienten hatten schwere Knochenbrüche und eine Lungenprellung", sagte Unfallchirurg Gerrit Matthes. Eine vierte Schwerverletzte schwebt weiterhin in Lebensgefahr, mindestens eine weitere Operation sei nötig.

Bisher sind 6 der 13 Toten identifiziert worden. Das sagte der Polizeipräsident von Frankfurt (Oder), Arne Feuring, am Montag in Potsdam. Mittlerweile wurde bekannt, dass unter den Opfern auch ein 13-jähriges Mädchen ist. Nach Auskunft des Sprechers des zuständigen Polizeischutzbereiches Dahme-Spreewald, Jens Quitschke, konnten am Montagmorgen sechs leicht verletzte Businsassen die Krankenhäuser verlassen. Sie wurden zunächst in die polnische Botschaft nach Berlin gebracht.

Angehörige treffen in Brandenburg ein

Am Morgen trafen 120 Angehörige der Unfallopfer und Verwaltungsangestellte aus dem westpommerschen Zlocieniec in einem Krankenhaus in Königs Wusterhausen ein, um die Opfer zu identifizieren und von hier aus zu den Verletzten in Berlin und im südlichen Umland zu fahren. Die Angehörigen sind nach Polizeiangaben zunächst in Königs Wusterhausen selbst von Ärzten psychologisch betreut, bevor sie dann zu ihren verletzten Angehörigen in die verschiedenen Krankenhäuser gebracht werden. "Wir finden es gut, wenn viele Angehörige kommen. Das hilft den Patienten psychisch", sagte Unfallchirurg Matthes. Nach dem schweren Unfall waren die sämtlich aus Polen stammenden Opfer in ein halbes Dutzend Kliniken der Umgebung per Hubschrauber und Rettungswagen gebracht worden, um die bestmögliche Versorgung zu garantieren.

Busunfall am Schönefelder Kreuz
Tragödie auf dem Berliner Ring. 14 Menschen kamen bei dem schweren Busunfall am 26. September 2010 ums Leben. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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27.09.2010 11:17Tragödie auf dem Berliner Ring. 14 Menschen kamen bei dem schweren Busunfall am 26. September 2010 ums Leben. Foto: dpa

Neben den Angehörigen fand sich am morgen ein Aufgebot von polnischen Medienvertretern vor der Klinik ein. In den polnischen Medien ist das Unglück ein großes Thema. Das Klinikum ist von der Polizei weiträumig abgesperrt worden, damit die Angehörigen in ihrer Trauer nicht gestört werden.

Die Brandenburger Landesregierung hat eine Arbeitsgruppe für alle Fragen rund um das Unglück eingerichtet. Ministerpräsident Platzeck (SPD) hatte bereits am Sonntag gemeinsam mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk Verletzte in einem Berliner Krankenhaus besucht. Tusk ist mittlerweile wieder nach Polen abgereist. Der brandenburgische Regierungschef zeigte sich erschüttert über den Unfall. Auf einer Pressekonferenz am Montagnachmittag in Potsdam sagte er, es sei eines der bisher schlimmsten Unglücke in Brandenburg. "Wer die Unfallstelle gesehen hat, kann zumindest ahnen, was dort während des Unfalls vor sich gegangen ist", sagte er. Platzeck ordnete zum Gedenken der 13 Opfer Trauerbeflaggung an.

Ermittlungen gestalten sich schwierig

Die Ermittlung des genauen Unfallhergangs könnte nach Polizeiangaben bis zu zwei Wochen dauern. Zur Klärung des Unfalls arbeiten polnische und deutsche Behörden zusammen. Sie versuche herauszufinden, wie es zu der Tragödie bei Berlin kommen konnte, sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Montag in Potsdam. "Die Ermittlungen gestalten sich schwierig", sagte ein Polizeisprecher des Schutzbereichs Königs Wusterhausen. "Wir sind mittendrin." Es werde zudem kontinuierlich Kontakt mit der polnischen Botschaft gehalten.

Mittlerweile haben sich auch Zeugen gemeldet, die zum Umfallhergang befragt werden, wie ein Sprecher der Polizei mitteilte. Aus bisher ungeklärten Gründen war am Sonntagvormittag ein Pkw Mercedes mit Berliner Kennzeichen nach dem Auffahren vom Schönefeld-Zubringer A 113 auf den südlichen Berliner Autobahnring mit dem in Richtung Frankfurt (Oder) fahrenden Reisebus kollidiert. Sprecher der Polizei gaben an, dass die Fahrerin des Pkw anscheinend die Kontrolle über das Fahrzeug verloren habe. Ob dies auf einen technischen Defekt oder auf eine fahrlässige Fahrweise zurückzuführen sei, müssen die Ermittlungen zeigen.

Durch den Aufprall und ein Ausweichmanöver wurde der Reisebus an einen Brückenpfeiler gedrückt und erheblich beschädigt. Drei Personen waren dabei aus dem Bus geschleudert worden. Für sie bestand keine Überlebenschance, genau wie für neun weitere Insassen. Ein 13. Fahrgast verstarb am Abend in einem Krankenhaus. Der Bus soll in einem guten Zustand gewesen sein. Die Fahrzeuge des Unternehmens seien für den internationalen Reiseverkehr zertifiziert. Zudem seien zwei Busfahrer abwechselnd im Einsatz gewesen, hieß es von Seiten des Busunternehmens.

Bus hatte offenbar keine Anschnallgurte

Einige Busfahrer wiesen den Tagesspiegel darauf hin, dass die Personen im Bus anscheinend nicht angeschnallt waren. Diese Theorie wird auch von polnischer Seite bestärkt. "Die Bilder vom Katastrophenort lassen die Vermutung zu, dass nicht alle Insassen angeschnallt waren", sagte der Sprecher der polnischen Feuerwehr, Pawel Fratczak, dem Fernsehsender TVPInfo am Montag. Viele Menschen seien nach dem Aufprall durch die Fenster des Busses nach außen geschleudert worden, erläuterte er. Das beweise, dass sie offenbar ohne Gurt gefahren seien.

In Polen müssen erst seit Oktober 2007 alle neu zugelassenen Busse mit Sicherheitsgurten ausgestattet sein. In Deutschland besteht seit 1999 eine Gurtpflicht für Reisebusse. Eine Nachrüstpflicht gilt in Deutschland sowie in Polen nicht. "Darunter leidet die Sicherheit", sagte Marek Rupental von der Transportinspektion in Stettin.

Dem Eigentümer des Busses zufolge handelte es sich beim Unfallbus um ein zwölf Jahre altes Fahrzeug. Zu der Frage, ob der Bus mit Sicherheitsgurten ausgestattet war, wollte sich das Unternehmen POL-BUS aus Suchan in Westpommern bis jetzt nicht äußern.

Das schwere Busunglück hat in Polen nun eine Debatte über die Gurtpflicht entfacht.

Die insgesamt 47 Fahrgäste befanden sich auf der Rückreise von einem Urlaub in Spanien. Die meisten waren Angestellte eines Forstbetriebes in dem polnischen 13.000-Einwohner-Ort Zlocieniec. (mit dpa)

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