Der Tagesspiegel : Chemiestandort Premnitz steht erneut vor der Pleite

Claus-Dieter Steyer

Ein Horrorszenario machte gestern in Premnitz die Runde. Möglicherweise steht der ganze Chemiestandort mit mehr als 600 Arbeitsplätzen vor dem Ende. Da nach einer Rechnung von Bürgermeister Roy Wallenta (parteilos) jeder Job in der Produktion zwei bis drei Arbeitsplätze bei Zulieferern und in der Dienstleistungsbranche nach sich zieht, wäre Premnitz mit seinen 9000 Einwohnern arg vom wirtschaftlichen Niedergang betroffen. Deshalb trafen sich gestern Vormittag Bürgermeister, Stadtverordnetenvorsteher und die Fraktionschefs der Parteien zu einem Krisengespräch. Am Ende verfassten sie einen Hilferuf an das Brandenburger Wirtschaftsministerium. Es solle möglichst bald ein Treffen mit allen möglichen Investoren stattfinden.

Ausgelöst wurde die überall zu spürende Verängstigung durch Wolfgang Riggers aus Bremerhaven. Der Geschäftsführer der Medical AG kündigte am Mittwoch überraschend seinen Rückzug aus Premnitz an. Noch Anfang Mai hatte er Zuversicht verbreitet. Er übernahm die Märkische Viskose GmbH, nachdem die spanischen Eigentümer das Gelände ein halbes Jahr zuvor verlassen hatten. 20 Prozent der Viskose-Produktion wollte Riggers in seiner eigenen Unternehmensgruppe für Dialyse-Maschinen verwenden, der Rest sollte verkauft werden. Nun werden wohl 180 Mitarbeiter entlassen. Auch sein Interesse an der Übernahme der benachbarten Märkischen Faser AG mit 270 Beschäftigten kündigte er auf. Falls diese beiden inzwischen in der Insolvenz befindlichen Unternehmen schließen, wird in Premnitz auch um den Fortbestand der Firma "Polyamid 2000" mit weiteren 200 Jobs gebangt.

Die Schuld für seinen Rückzug gibt der Investor aus Bremerhaven dem Amtsgericht Potsdam. Dieses hatte den bisherigen Insolvenzverwalter der Märkischen Faser AG, Rechtsanwalt Horst Piepenburg aus Düsseldorf, abgesetzt und den Berliner Anwalt Rolf Rattunde mit der Verwaltung beauftragt. Amtsgerichtssprecher Wolfgang Peters begründet den ungewöhnlichen Schritt mit "möglichen Interessenskonflikten". Piepenburg hält den Gerichtsbeschluss "für einen unglaublichen und einmaligen Vorgang in Deutschland". Das Gericht verunsichere Lieferanten und Kunden. Nur deshalb habe sich Riggers zurückgezogen, weil er nicht mit einem neuen Verwalter alle Gespräche noch einmal von vorn beginnen wolle.

Der Betriebsrat der Märkischen Viskose sah gestern noch Hoffnung auf eine Fortsetzung der Produktion. Allerdings sei die Konkurrenz gerade in der Viskose-Branche stark. Andere Beschäftigte wurden deutlicher. Der Gerichtsentscheid sei für Riggers nur ein Vorwand. In Wahrheit wolle er Geld vom Wirtschaftsministerium, sagte ein älterer Arbeiter. Dafür müsse erfahrungsgemäß zuerst die Region in Unruhe versetzt werden.

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