Der Tagesspiegel : Das Ein-Euro-Orchester

Neun Musiker aus Russland und der Ukraine wollen sich als Kammerensemble „Arpeggiato“ etablieren – das Arbeitsamt hilft dabei

Nadine Fabian

Potsdam - Nebenan spielte jemand auf dem Cello. Zorjana Babjuk ging der Melodie nach, klopfte an die Tür, hinter der die Töne tanzten. Das, so erzählt die rothaarige Frau mit dem sonnigen Lächeln, war der Anfang.

Noch in der Aufnahmestelle für jüdische Zuwanderer in Peitz (Landkreis Spree-Neiße) begannen die Harfenistin aus Lemberg, ihr Ehemann, der Pianist Yukhym Vaysman, und der Moskauer Cellist Mikhail Ganevsky gemeinsam zu proben. 2004 kam das Trio nach Potsdam. Im jüdischen Kultur-, Integrations- und Beratungszentrum (KIBuZ) wurden sie mit den beiden Moskauern Elena Loevskaja (Violine) und Sviatoslav Zhuk (Kontrabass) bekannt gemacht. „Wir haben uns ,Arpeggiato‘ genannt“, erzählt Elena Loevskaja. Die so bezeichnete Spielweise sei charakteristisch für das Ensemble: Die Töne eines Akkords werden nicht als typischer Dreiklang gespielt, sondern einzeln rasch hintereinander. „Diese Art beschreibt uns und unsere Geschichte“, sagt Elena, mit 22 die Jüngste. Derzeit gehören neun Musiker zum Ensemble.

Während sich Elena darum bemüht, in Berlin ein weiteres Musikstudium zu beginnen, beteiligen sich die Kollegen seit März an einem Projekt der Potsdamer Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung Arbeitssuchender (Paga), in der die Agentur für Arbeit und der Fachbereich Soziales der Stadtverwaltung kooperieren. Mit dieser „Maßnahme Mehraufwandsentschädigung Künstler“ werden 20 Musiker, Maler, Keramiker und Autoren unterstützt. Die Idee hatte Peter Döbber vom Verein für Arbeitsmarktintegration und Berufsförderung (AIB). Er hat bei der Paga die Finanzierung des Projekts, das um sechs Monate verlängert wurde, beantragt. „Die Paga fördert das Projekt, weil es nicht aussichtsreich ist, die gut ausgebildeten Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Deutschland in reguläre Angestelltenverhältnisse zu vermitteln“, erklärt Jörg Bindheim, Integrationsplaner der Paga. Im Projekt bilden sich die Musiker weiter, so dass sie mit Auftritten ihren Lebensunterhalt einmal selbst erwirtschaften können. 20 Stunden pro Woche sind die Hartz-IV-Empfänger von „Arpeggiato“ mit Proben, Auftritten, Deutschstunden, Motivationstraining und Marketingseminaren beschäftigt. Pro Stunde erhalten sie 1,30 Euro Aufwandsentschädigung, „keinen Lohn“, wie Döbber betont.

Fünf Konzerte haben die Musiker in Potsdam gegeben. „Ein großer Erfolg“, sagt Nikolai Epchteine, Leiter des jüdischen Kulturzentrums. „Die Zuhörer haben uns erzählt, dass sie so etwas in Potsdam noch nie erlebt haben.“ Auch in Berlin hat sich „Arpeggiato“ präsentiert. „Das Ensemble hat ein eigenes Programm, ein eigenes Gesicht. Die Auftritte der Musiker sind originell, jeder ist ein Star für sich. Obwohl sie so verschieden sind, sind sie doch harmonisch und machen einen einmaligen Eindruck“, sagt Epchteine.

Die hervorragend ausgebildeten Künstler haben sich in der neuen Heimat eingerichtet und sind doch noch nicht ganz angekommen. Epchteine nennt das Problem beim Namen: Man müsse überlegen, wie man den Musikern den Übergang in die Selbstständigkeit ermöglichen könne. „Deshalb ist es notwendig, den Musikern einen erfahrenen Manager, der die Situation auf dem deutschen Markt kennt, an die Seite zu stellen.“

Angst, sich eines Tages als Straßenmusikerin durchschlagen zu müssen, hat Elena Loevskaja nicht. „Das ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun und gar nicht mehr zu spielen.“ 1999 besuchte sie Berlin und verliebte sich in die Stadt. 2003 kam sie nach Deutschland und lebt jetzt mit ihrer Freundin in Berlin-Tiergarten. Die anderen Musiker haben sich in Potsdam niedergelassen. Mikhail Ganevsky wohnt in der Nähe der Kolonie „Alexandrowka“, die 1826 für die letzten zwölf russischen Sänger eines einst aus 62 Soldaten bestehenden Chores angelegt wurde. „Ein Zufall, aber angenehm“, sagt Ganevsky. Von seinen sechs Kindern hat der 60-Jährige drei mit nach Deutschland gebracht, die älteste Tochter (32) und die beiden jüngsten (9 und 5). Ganevsky, in Moskau geboren und aufgewachsen, studierte am berühmten Tschaikowski-Konservatorium. „Ich liebe Moskau“, sagt er. Der politische Umbruch aber habe die Lage für Russlands Künstler verschärft. „In Deutschland sehe ich eine Perspektive für meine Arbeit.“

Eine Menge Träume haben die Musiker aus Russland und der Ukraine mitgebracht. Vor allem wollen sie wieder auf die Bühne, wollen große Säle füllen. „La Scala“, sagt Zorjana Babjuk. Elena Loevskaja raunt „Carnegie Hall, New York“ in die Runde. Mikhail Ganevsky winkt ab. Schließlich hat er schon in der Met gespielt. „Wichtig ist ein freundliches Publikum.“ Die Frauen indes lassen sich nicht von ihren Träumen abbringen. „Warum sollen wir nicht den Olymp erreichen?“, ruft Elena. Dann berichtet Zorjana von ihrem Herzenswunsch. „Ich möchte eine neue Harfe“, sagt die 41-Jährige. In der Ukraine, erzählt sie, hätte sie sich ein wirklich gutes Instrument nie leisten können. „Auch in Deutschland wird es nicht leicht“, sagt sie lächelnd. „Aber ich bin eine Optimistin.“

„Arpeggiato“ wird neben einem anderen Ensemble am 9. Dezember, 19 Uhr, im Alten Rathaus in Potsdam auftreten.

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