Der Tagesspiegel : Das Eis ist gebrochen – die Ebbe setzt ein

Überschwemmungen an Oder und Elbe muss Brandenburg in diesem Winter nicht befürchten. Dafür fehlt das Wasser in den Flüssen

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) . Es rumort und kracht auf der Oder. Eisschollen schieben sich an Brücken und Flussbiegungen mit lautem Getöse aufeinander. Zwischen Stettin und Hohensaaten haben sich die Eisschollen bis über zwei Meter hoch aufeinander getürmt. Seit drei Tagen bahnen sich deshalb Eisbrecher den Weg, um Abflussrinnen freizuhalten. Aber bedrohlich wie im vergangenen Januar wird es nicht werden, denn die Oder ist nicht zugefroren, dafür war es nicht kalt genug. Außerdem sind die Flüsse sehr schmal, es ist nicht genügend Wasser da. Die Austrocknung Brandenburgs setzt sich fort.

Vergangenen Januar sah das noch anders aus. Da türmte sich das Eis an manchen Stellen zu Barrieren auf und es kam zu Überschwemmungen. Denn die Oder friert im Unterschied zu den meisten anderen Gewässern von unten her zu, vom Flussbett aus. Das Wasser kann nach einer längeren Kälteperiode nur im oberen Bereich abfließen – wenn nicht Eisschollen den Weg versperren.

Aber nicht nur die Oder führt außergewöhnlich wenig Wasser, sondern auch die Elbe und andere Brandenburger Ströme. „Die Niederschlagsmenge betrug im Vorjahr nur 70 Prozent des langjährigen Mittels“, sagte Matthias Freude vom Landesumweltamt. Im Südosten und Nordwesten Brandenburgs liegen die Werte noch darunter. In der Spremberger Talsperre, die als wichtiges Reservoir für die Spree gilt, fehlen mehrere Millionen Kubikmeter Wasser.

An der Elbe in der Prignitz, wo sich wie in der Gegend um Lenzen vor einem Jahr die Eisschollen türmten und die Dämme beschädigten, herrscht heute Ebbe. Die Elbe hat sich von den Wiesen und Weiden weit in ihr schmales Bett zurückgezogen. Von dem Ort Mödlich, der direkt am Deich liegt, müssen die Angler heute 200 Meter weit bis zum ersten Wasser laufen. Lediglich kleine Tümpel erinnern noch an die ausgedehnte Flusslandschaft der vergangenen Jahre.

Im Sommer 2002 stand die ganze Elb-Region zwischen Wittenberge und Lenzen vor einer Überschwemmungskatastrophe. Eine ähnliche Situation erlebten die Anwohner im vergangenen Januar, als Eisschollen gesprengt werden mussten. Das wird sich dieses Jahr nicht wiederholen.

Der Pegel in Wittenberge zeigte gestern nur 1,57 Meter, normal wären 3,50 Meter. Dömitz, kurz hinter der Landesgrenze in Mecklenburg-Vorpommern gelegen, meldete nur 99 Zentimeter. Nicht viel anders sieht es in Dresden und in Frankfurt aus, wo 133 Zentimeter statt der normalen 182 gemessen wurden.

Unter dem Wassermangel leiden nicht nur die Bauern, auch die Sanierung des Braunkohletagebaus gerät ins Stocken. Bis 2020 soll in der Lausitz eine rund 7500 Hektar große Wasserlandschaft entstehen. Die 17 riesigen Löcher rund um Senftenberg können aber nicht geflutet werden, weil Spree und Schwarze Elster zu wenig Wasser führen. Frischwasser ist aber dringend nötig, um eine Versauerung der neuen Seen zu verhindern. Die würde eintreten, wenn nur Grundwasser die alten Gruben langsam füllen würde.

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