Der Tagesspiegel : Den Traum vom Cargolifter lassen sie nicht platzen

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Von Stefan Jabobs

Brand. Sorry, sagt die Britin mit den rotbraunen Locken nur, schließt ihren Opel auf dem Cargolifter-Parkplatz ab und geht zu ihrem Arbeitsplatz in einem der gläsernen Bürowürfel inmitten des Kiefernwaldes. Hinter den Scheiben stehen andere Mitarbeiter in Grüppchen zusammen und diskutieren. Journalisten werden nicht zu ihnen vorgelassen. Aber der Gärtner.

Karsten Prüfer ist Chef einer Gartenbaufirma und wässert gerade die Koniferen ringsum. Soweit er die meist britischen Ingenieure verstanden hat, „schienen sie sehr bedrückt“ über den vom Vorstand verkündeten Plan, die Entwicklung des Riesenluftschiffes CL 160 zu bremsen und sich stattdessen auf den kleineren Transportballon CL 75 zu konzentrieren. „Ein Ingenieur hat mir gesagt, dass von ihm aus der Insolvenzverwalter bald kommen soll, um wenigstens Klarheit zu schaffen“, sagt der Gärtner. Er mache sich große Sorgen, dass der Traum vom Luftschiff platzt – weniger um die Existenz seiner Firma als um die ganze Region. „Reinigungsfirma, Busunternehmen, Gaststätten: Alle hängen da dran. Und sobald der Cargolifter funktioniert, wird es hier Arbeit ohne Ende geben.“ Die Alternative wäre ein Ende ohne Arbeit. Außer dem nahen Spreewald gibt es fast nichts, woraus sich Kapital schlagen ließe. Die Bedeutung von Cargolifter zeigt sich schon auf dem Besucherparkplatz, wo jemand Werbezettel für ein Restaurant unter die Scheibenwischer klemmt. Und die Imbissbude an der Zufahrt zu dem ehemaligen Militärgelände lebt fast ausschließlich von den Massen, die täglich herbeiströmen, um die gigantische Werfthalle zu bestaunen.

Im Nachbardorf Krausnick kann das Landhotel dank Cargolifter jetzt auch im Winter sein Personal bezahlen. Gerhard Buschick, Bürgermeister des Ortes, hat gerade Sprechstunde, „denn Sprechstunde ist immer, wenn ich auf die Straße gehe“. Er peilt über den Daumen, dass in der Region – zusätzlich zu den knapp 500 beim Luftschiffbauer Beschäftigten – noch etwa fünf Mal so viele Menschen vom Cargolifter leben. „Deshalb fordere ich Landes- und Bundesregierung auf, sich jetzt nicht aus dem Projekt herauszustehlen.“ Der Sommerwind trägt den Appell über die Dorfstraße ins Nirgendwo. Buschick ist zum Zuschauen verdammt. Bis auf ein paar Leute, die angeblich schon immer gewusst haben, dass Cargolifter eine Luftnummer werden würde, hoffen alle auf einen Erfolg des Projektes, sagt Buschick. Er sieht das Luftschiff als logische Evolution: Nach dem Pferdefuhrwerk sei der Lkw gekommen, und weil der die Natur ruiniert, sei nun das Luftschiff fällig, sagt der Bürgermeister und wird grundsätzlich: „Was heute in Deutschland scheitert, kommt morgen aus Japan oder Amerika zurück. Dann verdienen die und wir zahlen drauf.“ Dasselbe sagen sie auch im Amt Unterspreewald. Die Personalamtsleiterin hat schon gehört, dass die ersten Ingenieure sich in Amerika bewerben und hofft, dass das nur ein Gerücht ist. Zu viert stehen die Angestellten im Zimmer von Anke Weiß-Janoske vom Gewerbeamt.

Still verfolgen sie die Nachrichten und schauen mehrmals täglich nach dem Börsenkurs der Cargolifter AG. Ja, in letzter Zeit redeten sie ständig über die Zukunft, sagt die Frau vom Gewerbeamt. Über ihren Tisch gingen schon die Planungsunterlagen für Besucherzentrum und Restaurant auf dem Werftgelände. Anke Weiß-Janoske hat versucht, unbürokratisch zu arbeiten. Zum Dank hängt hinter ihr an der Wand der große Cargolifter-Kalender. Den druckfrischen Aufkleber „Cargolifter - Ich bin dabei!“ will sie ihrem Sohn geben, weil ihr eigenes Autoheck schon von Energie-Cottbus-Stickern belegt ist. Cargolifter hat den Orten ringsum Streetball-Anlagen verschafft und organisiert im Sommer zum zweiten Mal ein deutsch-polnisches Jugendcamp. „Ich bin dermaßen enttäuscht von der Regierung“, sagt Weiß-Janoske. Und wenn Cargolifter doch eine Bruchlandung hinlegt? Alle zucken mit den Schultern. Dann fällt ihnen nur das Arbeitsamt in Lübben ein. Dort sitzt Landrat Martin Wille (SPD). Er bündelt die ungehörten Stimmen von Bürgermeistern und Ämtern und bekniet die Landesregierung, Cargolifter zu retten: „Das Projekt ist nicht nur ein Strohhalm, sondern ein Leuchtturm. Wenn der kaputt geht, wäre das ein Schlag, von dem sich die Region lange nicht erholen würde.“

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