Der Tagesspiegel : Denkmal der Motorisierung soll Autobahnbau weichen

NIKOLAUS BERNAU

Um zu Fuß zur Tankstelle zu kommen, muß man die Autobahnauffahrt entlang laufen. Das ist zu Recht streng verboten, man schwitzt nicht nur, weil es so warm ist. Eine Besichtigung ist also nicht zu empfehlen. Doch der Reporter muß. Lastwage auf dem Weg von Polen nach Berlin donnern vorbei. Einsam zwischen den Fahrbahnen steht an der Abfahrt der A 12 Fürstenwalde-Ketschendorf ein zartes Gebäude mit weitausholendem, fast fliegendem Dach. Getragen wird es von schlanken Säulen, darunter im Schatten ein verklinkerter Pavillon mit vergitterten weißen Fenstern und Türen.Die Anlage entstand 1937 nach den Plänen von Friedrich Tamm. Er war in Berlin im Brückenbauamt tätig, baute unter Albert Speer mit an der Reichskanzlei Hitlers. Einer der wichtigsten Architekten der Nazizeit. Er hatte Mitte der dreißiger Jahre auch eine der für die Reichsautobahn gedachten Typentankstellen entworfen. Die kleine, elegante Anlage in Fürstenwalde wurde als erste errichtet, zugleich als erste Realisierung des "Typs Fürstenwalde". Ironischerweise ist sie auch die einzige von den drei Typen, die in Deutschland bis heute erhalten blieb. Einzig bei Breslau stehen noch zwei weitere Exemplare. Die Fürstenwalder Tankstelle ist also ein einzigartiges Denkmal der Motorisierung, der privaten, wirtschaftlichen wie militärischen. Und für Ruth Klawun vom Brandenburgischen Landesdenkmalamt zeigt sie auch, daß die Klassische Moderne zumindest im Industrie- und Infrastrukturbau der Nazizeit überleben konnte.Allerdings trafen diese Typenbauten damals schnell auf praktische Vorbehalte und ideologische Kritik. Sie seien zu eng für den wachsenden Verkehr, auch sollten Restaurants und Rasthäuser hinzukommen. Den Deutschnationalen aber stach das flache, "amerikanisch" geschwungene, "undeutsche" Dach ins Auge, erzählt Klawun. Sie sagten, es vertrage sich nicht mit der brandenburgischen Landschaft. Spätere, größere Anlagen, etwa in Michendorf, entstanden dann auch im "Heimatstil" mit Butzenscheiben und Ziegeldächern.Bis Dezember 1995 war die Tankstelle in Betrieb. Von kleineren Umbauten abgesehen ist sie unverändert seit ihrer Erbauung, mit schmalen Fensterprofilen, dem gepflasterten Vorplatz und dem dünnen Stahlbetondach. Minol sah sie als nicht konkurrenzfähig gegenüber den neuen Großtankstellen, und das Autobahnamt befürchtete, daß einer der landestypischen Raser irgendwann einmal mit voller Wucht gegen die Zapfsäulen schleudern würde. Seither steht die Tankstelle leer, das Gras wächst, noch sind die Regenleitungen und die Fenster in Ordnung. Am 19. Februar 1996 wurde sie in die Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen. Doch die "außergewöhnlich hohe architekturgeschichtliche Bedeutung" mit weit übernationaler Relevanz (Landesamt) hindert das Autobahnamt in Hohen Neuendorf bisher nicht, im Planfeststellungsverfahren für den Ausbau der A 12 den Abriß des Kleinods zu fordern.Die Argumente sind redlich. Zu klein und unwirtschaftlich sei das Gelände. Eine zeichnerische und fotografische Dokumentation würde doch genügen. Das Denkmalamt hingegen sieht kein Problem für die Erhaltung, das Gebäude ist gut vor Vandalismus geschützt, und die neuen Fahrbahnen tangieren das Gelände nur am Rand. Eine eigene Zufahrt allerdings ist derzeit nicht mehr möglich, auch nicht für den vom Denkmalamt als Nutzer angesprochenen Pannendienst. Denn eine solche müßte der Bund bauen. Darüber hinaus führt das Autobahnamt an, daß der Boden kontaminiert sei und acht Meter abgetragen werden müssen. Peter Kramer von der Unteren Bodenschutzbehörde in Beeskow allerdings weiß von einer solch tiefgreifenden Verschmutzung nichts. Zuletzt wurde 1991 untersucht. Seither hätte sich die damals festgestellte Verschmutzung, die von übergeschwapptem Benzin stammt, verlagert oder sei durch Mikroben beseitigt worden. "Wegen Altlasten ist kein Abriß notwendig".

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