Der Tagesspiegel : Der gespielte Crash

Abschreckung brutal: Mit inszenierten Verkehrsunfällen vor Discotheken sollen Jugendliche vor Alkohol am Steuer gewarnt werden

Roland Wildberg

Wildau. Es ist genau 23.30 Uhr, als die zwei Wagen direkt vor den Augen der Warteschlange vor der Disco ineinander rasen, sich verkeilen, ihre Insassen zerquetschen. Die Menge kreischt auf, Menschen rennen auf die Unfallstelle zu – keine Sanitäter, sondern Kameraleute, die Nahaufnahmen von den blutüberströmten Opfern machen, ihnen aus nächster Nähe grell ins Gesicht leuchten. Skandal – oder? „Ach, ist doch nur Show“, merken da die herbeigelaufenen Jugendlichen, derentwegen das ganze Theater inszeniert worden ist.

Die Bühne für das Drama „Discounfall“ gibt der nasse Asphalt vor der Mega-Discothek „The New World“ am A10-Center bei Wildau, Produzent ist sozusagen das Potsdamer Innenministerium, das die Aktion sponsorte, der Autor des Zweiakters ist Günter David vom Humanistischen Verband Ostbrandenburg. „Wir wollen den Jugendlichen drastisch vor Augen führen, wozu Alkohol und Enthemmung am Steuer führen können“, sagt David. Ein halbes Jahr lang wurde der „Unfall“ geplant. Die Polizei sollte absperren und Feuerwehr die Rettung der geschminkten Opfer – Freiwillige des DRK – einleiten. Das war der erste Akt. Gegen 23.30 Uhr stünden erfahrungsgemäß die meisten Wartenden vor dem Eingang der Diskotheken, sagt David. Der Crash soll so realistisch ablaufen, dass die Zuschauer glauben, Zeugen eines echten Unfalls zu werden. Anschließend – im zweiten Akt – will David mit seinen Helfern Flyer verteilen: Darauf der lakonische Satz „…gerade noch Partyqueen – 20 Jahre, Alkohol, Tod“, illustriert von Unfallautos.

Beim Ablaufgespräch zwei Stunden vorher am anderen Ende des A10-Centers sind die „Opfer“ quietschfidel, Polizei, Feuerwehr und Stunt-Männer für den Unfall sitzen rauchend und schwatzend zusammen. Alle wirken wie bei der Generalprobe für ein Schülertheater; ein wenig aufgeregt, aber dennoch vergnügt. Wobei es keine Probe gegeben hat. „Wir haben das oft genug gemacht, das ist Routine“, gibt Stuntman Wolfgang Lindner zu Protokoll. Seit 20 Jahren fährt er kontrolliert Autos zu Schrott, vor der Wiedervereinigung arbeitete er an der DDR-Verkehrssendung „Verkehrskompass“ mit. Der groß gewachsene Mann ist die Ruhe selbst, wenn er auch nicht so recht an das ganze Unternehmen glauben mag: „Ach nee, das bringt nicht viel – die Kids sind heute so cool, da muss man schon schwereres Geschütz auffahren.“ Das wären etwa Fotos von echten Unfällen mit echten Opfern. Gelegenheit für solche Aufnahmen gab es im vergangenen Jahr reichlich: Bei 2753 Unfällen unter Alkoholeinfluss wurden 37 Menschen getötet, mehr als 1300 verletzt. Doch auch die künstlichen klaffenden Wunden sehen schlimm aus: Matthias, einer der Opfer-Darsteller vom DRK, erschrickt vor seinem Spiegelbild. Er und die anderen „ Verletzten“ sollen, nachdem Lindner selbst mit einem Opel in einen BMW gerast ist, die Wracks besetzen.

Alles läuft nach Plan. Als es kracht, rennen einige Jugendliche vom Discoeingang zu den Autos, um zu helfen. Die meisten bleiben in der Schlange – es ist kalt, die Leute wollen tanzen. Außerdem wird der Crash von den Kameras der Disco auf alle Bildschirme im Haus übertragen. Anfangs glauben viele, es werde ein Film gedreht. Erst als die Flyer mit den Warnungen verteilt werden, legt sich die Verwirrung. „Wir haben 700 Stück verteilt, die meisten sind wohl auch gelesen worden“, sagt David. Ihm ist wichtig, ohne „pädagogischen Zeigefinger“ aufzutreten. „Wir wollen den Jugendlichen ja nicht die Party verderben – wenn nur zwei oder drei darüber nachdenken, hat sich die Aktion gelohnt.“

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