Der Tagesspiegel : Der gute Mensch von nebenan

Die Halbinsel Sacrow hat einen neuen Eigentümer: Er lebt im Nachbardorf und will alles so lassen, wie es ist. Auch die Kleingärtner können bleiben

Volker Eckert

Berlin. Die Halbinsel Sacrow ist verkauft. Den Zuschlag hat am Sonnabend im Rathaus Schöneberg ein Mann bekommen, der 324000 Euro für die Landzunge am Rande des Dorfes Sacrow bot. Seinen Namen wollte der Käufer nicht in der Zeitung lesen, nur so viel sagte er, bevor er den Vertrag unterschrieb: „Ich bin dort Nachbar und möchte, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Offenbar ein Signal an die Pächter des Anglervereins, die dort seit vielen Jahren ihre Wochenendhäuschen haben und fürchteten, vertrieben zu werden, wenn das Landstück verkauft wird.

Erst kurz bevor die Halbinsel als Objekt 146 der Versteigerung durch die Deutsche Grundstücksauktionen AG aufgerufen wurde, war der Mann im Saal erschienen: Ende 40, lockiges, schulterlanges Haar, kariertes Hemd, Turnschuhe. Die Versteigerung selbst ging dann ganz schnell. Vorgelegen hatte bis dahin ein schriftliches Angebot über 300000 Euro. Der Chef der Auktionsfirma, Hans-Peter Plettner, nahm zum ersten Mal an diesem Tag selbst den Hammer in die Hand. Schließlich war die Halbinsel mit 295000 Euro Mindestgebot das am höchsten angesetzte Objekt im Katalog. Doch es gab nur einen weiteren Bieter, der seine Gebote per Telefon übermittelte. In 2000-Euro-Schritten ging es hin und her – nach knapp zwei Minuten war die Halbinsel verkauft.

Völlig überrascht zeigte sich Datschenbesitzerin Elke Helbig (41) nach der Versteigerung. Denn sie kennt den neuen Besitzer: Er ist seit einiger Zeit Mitglied im Anglerverein. Offenbar ahnte aber niemand, dass er mitbieten würde. Der Mann kommt aus München und hat sich im Ort Sacrow ein Haus gekauft, das er derzeit umbaut. Einige Male schon hat er Vereinsfeste besucht. Eigentlich hatten die Pächter gehofft, dass sich am Ende gar kein Käufer finden würde – doch dann war Elke Helbigs erstes Fazit: „Vielleicht bin ich zu naiv, aber ich freue mich.“

Die Pächter hatten um ihre Datschen gefürchtet, seit die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) das Gelände vor vier Wochen zum Verkauf anbot. Nach Auffassung der Vereinsmitglieder haben ihre Lauben zwar Bestandsschutz bis 2015 – doch was danach kommt, ist unklar. Den Verein gibt es schon seit 1923; die meisten der 96 Mitglieder haben die Grundstücke von ihren Eltern übernommen. In den vergangenen Wochen hatten sie vergeblich versucht, die 295000 Euro Mindestgebot für die Versteigerung zusammenzubekommen. Vor wenigen Tagen machten sie noch einen letzten verzweifelten Versuch und reichten bei der TLG ein Kaufangebot über 140000 Euro ein – ohne Antwort.

Glück für die Datschenbesitzer aber, dass die gesamte Halbinsel unter Naturschutz steht. So war sie unattraktiv für Investoren oder Privatiers, die von einem Ruhesitz mit Blick aufs Wasser träumen. Massiv zu bauen ist hier nicht erlaubt. Dennoch kann der Käufer – wenn er möchte – bald auch auf der Halbinsel selbst ein Häuschen beziehen: Eine der Datschen ist vom bisherigen Nutzer zum 31. Dezember gekündigt worden.

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