Der Tagesspiegel : Der Hamster hat das Feld geräumt

Die Zahl der Tier- und Pflanzenarten in Berlin und Brandenburg geht zurück. Aber es gibt auch Erfolge beim Naturschutz

Christian van Lessen

Potsdam/Berlin - Erst im vergangenen Winter ist der Feldhamster in Brandenburg ausgestorben: Zu tief gepflügte Böden. Auch der Auerhahn hat sich im letzten halben Jahr verabschiedet. Es sind traurige Nachrichten, die der Präsident des brandenburgischen Landesumweltamtes, Matthias Freude, vermeldet. Klimawandel, trockengelegte Landschaften, Überdüngung, aufgeräumte Dörfer – das zeigt Folgen. Den Seggenrohrsänger gibt es fast gar nicht mehr, Stieglitz, Grünfink, Hänfling, Girlitz – die Bestände sind dramatisch zurückgegangen. Auch in Berlin, das stolz auf seine Tier- und Pflanzenwelt ist, geht die Vielfalt zurück.

Bienen und Hummeln sind gefährdet, es quaken deutlich weniger Frösche als noch vor einem Jahr. Zur UN-Naturschutzkonferenz in Bonn können Berlin und Brandenburg traurige, aber auch freudige Botschaftern vermelden. Die Großstadt schaut wohlwollend auf die wachsende Population von Bibern, Seeadlern, Trauerseeschwalben, die sich mit dem Müggelsee angefreundet haben, freut sich über Zwergrohrdommeln am Flughafensee oder Waldkäuze in Köpenick. In der Stadt gibt es 20 000 bis 30 000 Tier- und Pflanzenarten. Berlin, schwärmt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD), sei eine „grüne Metropole“ mit „herausragendem Naturreichtum“, international gesehen.

Paradiesisch sind die Verhältnisse nicht, aber immer noch sind Berlin und seine Umgebung recht lebenswert für sehr viele Tiere und Pflanzen, sogar die seltene Heilpflanze „Herzgespann“ gedeiht im Tiergarten. Von der Naturschutzinsel Imchen in Kladow, auf der Reiher und Kormorane nisten, schallt es in die Ferne wie der Ruf des Dschungels. Dass der scharfe Kot die Äste der Nistbäume absterben lässt, ist eine traurige Nebenwirkung. Die Karower Teiche sind nicht nur zu Vogelflugzeiten ein Erlebnis. Aber die Frösche, die beispielsweise noch letzten Sommer im Schlosspark Charlottenburg quakten, sind stiller – weil weniger – geworden. Raubfische fressen den Laich. Natur gibt und nimmt.

In Brandenburg wiederum sterben viele Käfer- und Pilzarten aus, weil ihnen in den Wäldern das alte Holz fehlt. Brandenburg gehört zu den Bundesländern, die den Einschlag vermindern, Buchenwälder schützen und zum Weltkulturerbe machen wollen. Es fehlt Wasser in der Landschaft, weil Flüsse begradigt und Feuchtgebiete trockengelegt worden sind. Andererseits fördert das die Population von Wild, auch der Kormoran fühlt sich angezogen. Weil es aber weniger Pflanzenarten gibt, ist auch die Vielfalt der Insekten zurückgegangen, damit auch die der Vögel. Die Lerche singt kaum noch ihr Lied, Rebhühner sind fast ausgestorben. Die Landesregierung in Brandenburg ist aber stolz, dass sie den Bestand an Großtrappen, von denen es vor dem Krieg 4000 im Märkischen gab, von rund 50 im Jahr 1995 auf jetzt 112 hochgepäppelt hat. „Ein Riesenerfolg“, sagt Freude. Auf großen Flächen im Havelland bei Rathenow wurde die Düngung eingestellt, ein begrenzter Rückzugsraum geschaffen.

Das Bundesland sichert auch den Bestand der letzten Sumpfschildkröten bei Linum, die noch vor 100 Jahren zu Tausenden nach Berlin verkauft und zu Suppe verarbeitet wurden. Sie waren so gut wie ausgestorben, inzwischen gibt es wieder rund 70, auch Smaragdeidechsen. Brandenburg hat rund 20 Artenschutzprogramme aufgelegt, unter anderem für See- und Fischadler und für Kraniche, die Bestände haben sich seit der Wende verdreifacht. Der Wanderfalke, auch der Lachs und Stör sind wieder im Lande, der Wolf treibt sich seit geraumer Zeit auch wieder in Teilen der Lausitz herum. Am heutigen Mittwoch sollen rund 320 000 junge Aale in den Potsdamer Havelgewässern ausgesetzt werden, um den europäischen Bestand der Fischart zu sichern.

„Es gibt Licht und Schatten“, sagt Freude, man stemme sich, in Abstimmung mit dem Land Berlin gegen das Aussterben von Tieren und Pflanzen „mit vertretbarem Aufwand“. Ohne das ehrenamtliche Engagement vieler Kräfte auch aus Berlin ginge das nicht. Allein in Brandenburg gibt es 40 000 Tierarten, 7000 davon stehen auf der Roten Liste. Holger Brandt von der Obersten Berliner Naturschutzbehörde sagt, das Land wolle zum Schutz der Artenvielfalt vor allem die Natur- und Landschaftsschutzgebiete sichern und – wo es geht – ausweiten. Derzeit sind sieben Prozent der Berliner Fläche im Europäischen Schutzgebietssystem „Natura 2000“ gesichert, in Brandenburg sind es gar 26 Prozent. Aktuell sei die Behörde dabei, das Treptow-Köpenicker Wald- und Seengebiet zu sichern.

Das alles hat nicht verhindern können, dass auch die Berliner Vogelwelt geschrumpft ist, nur die Amsel scheint von städtischen Grünflächen mit viel Buschwerk zu profitieren. Der Spatz ist Berlins häufigster Vogel und mit geschätzten 135 000 Brutpaaren nicht in wirklicher Überlebensgefahr. Füchse, Wildschweine, Waschbären – zum Leidwesen vieler Autofahrer auch kabelfressende Marder – tauchen in Zahlen auf, die es vor Jahren noch nicht gegeben hat: Wie die Reiher im Schlosspark Charlottenburg oder im Stadtpark Schöneberg. Fischadler setzen häufiger zur Landung an, allerdings nur zum Futtern, nicht zum Brüten. Dass sich die Fledermäuse in der Spandauer Zitadelle wohlfühlen, ist eine Selbstverständlichkeit.

Ingrid Cloos von der Obersten Berliner Naturschutzbehörde spricht von einer „ tollen Vielfalt“ im Vergleich zu anderen Städten. Einen großen Beitrag, die Artenvielfalt populär zu machen, leisten private Vereine. Allein unter dem Dach der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN) sind 15 Verbände mit rund 30 000 Mitgliedern vereint. Der BLN-Naturschutzbeauftragte Uwe Rink ist der Ansicht, dass sich von Seiten des Landes für den Artenschutz noch mehr machen ließe. So müsste beispielsweise die „biologische Durchgängigkeit“ an Schleusen mit Fischtreppen gewährleistet werden, dann könnten die Tiere auf ihrer Wasserwanderung durch die Stadt ihre Laichplätze erreichen. Biber seien dabei, die Stadt „zurückzuerobern“, nur die Ufer müssten breiter und artenfreundlicher werden. Negativbeispiel sei die Wasserstadt Spandau. Ein großes Brutgebiet des Spechtes sei durch die geplante Bahntrasse durch den Bohnsdorfer Wald zum Flughafen BBI gefährdet.

Die Senatsbehörde für Stadtentwicklung, der BLN und die Naturschutzjugend Brandenburg veranstalten morgen ab 10 Uhr zur Artenschutzkonferenz einen Aktionstag auf dem Alexanderplatz.

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