Der Tagesspiegel : Der tägliche Kampf gegen das Ungeziefer

Seit Monaten klagen Bernauer über Lärm, Gestank und Schaben. Jetzt fordern sie die endgültige Schließung der Mülldeponie

Dagny Lüdemann

Bernau - Wenn Dieter Luckner morgens die Augen aufschlägt, denkt er als erstes an Kakerlaken. Sofort nach dem Aufstehen macht er einen Kontrollgang zu allen Fallen, die in Küche, Bad und Flur ausliegen. Fast immer zappeln darin ein paar neue der rund zwei Zentimeter langen rötlichen Schaben. Angelockt von Duftstoffen sind sie nachts an der klebrigen Schicht in den Fallen, so genannten Monitoring-Boxen, haften geblieben. „Sie zappeln noch zwei Tage lang weiter – dann verenden sie“, sagt Luckner.

Er wohnt mit seiner Frau in einem schönen Haus, umsäumt von prachtvollen Blumen – rund 200 Meter entfernt von der Bernauer Müllkippe, um die es seit Wochen Ärger gibt. So richtig wohl fühlen sich Luckners nicht mehr in ihrem Häuschen in der Siedlung „Gieses Plan“. Seit Monaten leiden sie wie viele Nachbarn unter Gestank, Fliegen, Lärm und einer Invasion von Küchenschaben. Vor kurzem mussten sie auch noch den Großbrand auf der Deponie erleben.

Luckner hat sich der Bürgerinitiative angeschlossen, die schon lange vor der Schabeninvasion gegen die Mülldeponie kämpfte. „Wir fordern die endgültige Stilllegung der Anlage, selbst wenn sie die Auflagen des Umweltministeriums künftig erfüllen sollte“, sagt er. Am Sonnabend haben die Anwohner deswegen eine E-Mail an Brandenburgs Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) und Justizministerin Beate Blechinger (CDU) geschickt.

Am Freitag wurde der Recyclinghof zwar vorläufig vom Umweltministerium geschlossen, aber die Kakerlaken lassen sich von Ketten und schweren Schlössern nicht aufhalten. Im Mai waren sie erstmalig in Bernau eingefallen, wo auch viele Berliner ein Wochenendhäuschen haben. Daraufhin hatte das Gesundheitsamt die Monitoring-Boxen kostenlos verteilt – sie dienen dazu, den Befall einzuschätzen. Größere und wirksamere Gelfallen wurden bei einer Einwohnerversammlung zum Sonderpreis von zwei Euro verkauft. Doch auf den Kosten für den Einsatz von Kammerjägern oder Gift aus dem Baumarkt bleiben die Hauseigentümer sitzen, es sei denn ein Gutachten beweist endlich, was kaum noch jemand bezweifelt: die Schuld der Recyclingfirma an der Plage.

Der Ungezieferbefall hat das Leben der Luckners verändert. Nachts, wenn er zur Toilette muss, trägt Herr Luckner jetzt immer Hausschuhe. „Ich will auf keinen Fall auf eine Schabe treten“, sagt er. „Unsere Kinder kommen uns kaum noch besuchen – aus Ekel vor den Schaben“, erzählt der Rentner. Statt der Kinder kommen jetzt fast täglich Fernsehteams und Reporter zu Besuch. „Selbst aus München und Hamburg bekam ich Anrufe.“ Wer durch das rosenumrankte Tor eintritt und die Stufen zur Haustür der Luckners nimmt, merkt sofort, dass hier etwas nicht stimmt: Zwischen den sorgfältig arrangierten Tonfiguren und den Blumentöpfen mit Zierpflanzen liegen zwei weiße Monitoring-Boxen von der Größe einer Zigarettenschachtel. Eine rechts, eine links. Wie zwei Wachsoldaten sollen sie das Ungeziefer aufhalten, noch bevor es durch die Tür kommt. Doch sie können nicht alle Schaben aufhalten. Luckner reagiert inzwischen recht gefasst, wenn wieder einmal eine Schabe über die Arbeitsplatte in der Küche huscht. Er hofft, dass die Bürgerinitiative Erfolg hat, und will weiter kämpfen.

Angela Richwald nimmt das noch nicht halbwegs ruhig hin. Sie kam am Sonntag zum ersten Mal seit drei Wochen wieder in ihre Laube. „Wir fahren seit 20 Jahren her, aber so was habe ich noch nie gesehen“, sagt sie und verzieht angeekelt das Gesicht. „In jeder Box sind mehrere Kakerlaken.“ Da hat Nachbar Detlef Glischinski mehr Glück. Er züchtet Hühner, „die fressen die Biester auf.“

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