Der Tagesspiegel : Des Kanzlers Stimme Ost

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Von David Ensikat

Zum Schluss bedankt sich die Moderatorin bei allen Podiumsmenschen für ihre nachdenklichen Worte über die ostdeutsche Seele, und bei Manfred Stolpe bedankt sie sich ganz besonders, weil er doch „für die Ostmenschen eine Identifikationsfigur gewesen ist“.

Gewesen ist? Ein Raunen geht durch den Riesenraum im Berliner Willy-Brandt-Haus. Jetzt fängt’s doch erst richtig an, oder?

„Nein, nein, Identifikationsfigur ist er natürlich noch“, entschuldigt sich die Moderatorin, „nur Landesvater ist er gewesen.“

„Das bin ich auch noch“, sagt drauf der Landesvater ganz entspannt, „Bis Donnerstag. Und die letzten Tage genieße ich“.

Auf dem Podium spielt das mit der Landesväterlichkeit aber keine große Rolle, hier sitzt der Mann, der einen Tag zuvor gerade seinen Rücktritt bekannt gegeben hat, als Vorsitzender des „Forums Ostdeutschland der Sozialdemokratie e.V.“. Dieses Forum hat die Veranstaltung ausgerichtet, in der es um „Die Rache der Ostdeutschen“ geht. So heißt ein Buch, in dem PDS-Wähler sagen dürfen, wofür sie sich mit ihrer Wahl rächen. Mit auf dem Podium sitzen die Autorin, ein Kulturwissenschaftler, eine Frau für die Brandenburger CDU und eine für die PDS. Und Manfred Stolpe – fürs Forum? Für die SPD? Für sich?

Für die Ostdeutschen sitzt er hier! Den Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, wenn man ihn so sprechen hört. Vielleicht soll man das ja gerade. Vielleicht ist das ja sein neuer Job. Sonderbeauftragter Ost. Der Mann, der das Vermächtnis der Regine Hildebrandt versteht, der es – für die SPD, gewiss – erfüllt. Manfred Stolpe spricht nicht so schnell wie Frau Hildebrandt das getan hat, aber er ist durch und durch der gute Ostmensch, der die Westmenschen, vor allem die Politiker unter ihnen, mahnt, die Lebensleistungen Ost anzuerkennen, der großen Beifall bekommt, wenn er es prima findet, dass man endlich wieder sagen kann, „dass nicht alles Müll und Schrott war“, was es in der DDR gab, der den Trick preisgibt, wie man als Ostler alte Erfahrungen einbringt: „Man muss einfach nicht sagen, dass es das schon mal in der DDR gab“. Er erinnert an das Schulsystem, in dem es ja wohl doch einiges Gute gegeben haben muss, über das man jetzt, dank Pisa, neu nachdenken könne. Und er preist auch Regine Hildebrandt, die „wie eine Löwin“ um die Polikliniken gekämpft habe – in Brandenburg habe sie immerhin sieben davon erhalten können.

Die Frau, die für die PDS auf dem Podium sitzt, hat es nicht leicht, hier bei den Sozialdemokraten. Wenn sie was sagt, schütteln viele Zuhörer ihre grauen Häupter. Zum Schluss aber, da bekommt sie großen Beifall. Sie bedauere Manfred Stolpes Rücktritt sehr, sagt sie, und sie dankt ihm, weil er den Ostdeutschen durch sein Vorbild (Grundstückssache, Stasivorwürfe) zu mehr Selbstbewusstsein verholfen habe.

Er will das ganz offensichtlich weiter tun. Sein Terminkalender für die kommenden Wochen ist voll mit ähnlichen Auftritten wie diesem, Franz Müntefehring, der SPD-Generalsekretär, sagt, Stolpe werde Gerhard Schröder in Ost-Dingen beraten, er wird auch ein eigenes Büro in der Wahlkampfzentrale bekommen. Und bei den zehn Wahlkampfveranstaltungen des Kanzlers im Osten, da steht Manfred Stolpe mit auf der Bühne, ganz klar. „Als Zeuge Ost“, wie er sagt.

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