Der Tagesspiegel : Die Gurke zum Film

Spreewaldkonserve Golßen kann die Rekordernte nicht verarbeiten – und wirbt ab September mit „Good bye, Lenin!“

Frauke Herweg

Noch bevor der Besucher den Hof der Spreewaldkonserve Golßen betreten hat, riecht er, wo er ist: auf dem Hof einer Konservenfabrik, die neben vielem Obst auch Gewürzgurken abfüllt. Schwache Schwaden von Essig und Dill wehen aus der offen stehenden Produktionshalle. In der Halle selbst sind die sauren Dämpfe fast unerträglich. Der Hals wird trocken, die Kehle hüstelt. Verschwitzt steht Geschäftsführer Konrad Linkenheil – Günter-Netzer-Frisur, Schnäuzer, Jeans – auf der Empore und beobachtet die rotierenden Bänder. Der 50-Jährige ist zufrieden.

Die Bauern, die bei der Spreewaldkonserve Golßen unter Vertrag stehen, liefern ihm in diesem Sommer rund 16 000 Tonnen des grünen Gemüses. „Eine Wahnsinnsernte“, sagt Linkenheil. „Wir konnten gar nicht so schnell abfüllen, wie die Gurken nachgewachsen sind“, sagt Linkenheil. Dabei liegt auf den Feldern noch viel mehr. Weil die Hitze die Früchte jedoch zu schnell zu groß werden ließ, können nicht alle verarbeitet werden – manche passen schlichtweg nicht in Glas. Ein Teil der Ernte – rund 600 Tonnen – wird deshalb vernichtet.

In der kommenden Woche endet die Ernte. Bei der Spreewaldkonserve Golßen, dem mit 60 Prozent größten Produzenten von Spreewälder Gurken, laufen die Abfüllanlagen derzeit fast rund um die Uhr. Gewürze, Gurken, Sud – in der Reihenfolge gefüllt scheppern bis zu 90 000 Gläser pro Tag übers Band. In der Nachbarhalle bekommen die Gläser einen Aufkleber.

„Die Gurke zum Film“ steht auf dem roten runden Kleber. Wenn Mitte September die Videokassette von „Good bye, Lenin!“ erscheint, dem Film, in dem Katrin Saß das Ende der DDR verschlief und nach ihrem Erwachen Lust auf eine Spreewälder Gurke verspürte, werden Linkenheils Konserven mit ihrem roten Aufkleber den Film bewerben. Und umgekehrt: In 11 000 Märkten einer großen Drogeriekette wird es beim Kauf einer Video-Kassette eine Gurke gratis dazu geben.

Schon vor Erscheinen des Kinofilms, als dessen Ausstatter in den Kellern der Konservenfabrik nach Requisiten stöberten, hatten die Marketingstrategen des Filmverleihs Linkenheil diesen Deal vorgeschlagen. Dem Rheinländer Obstfabrikanten, der, als er den Spreewaldhof 1991 mit seiner Schwester Karin Seidel übernahm, von dem „traditionsreichen Ostprodukt ,Spreewaldgurke‘“, so formuliert er das, zunächst „keine Ahnung“ hatte – und sich damals genau deshalb gesagt habe, „bloß nichts dran ändern!“ Genau deshalb können seine Gurken heute als DDR-Marke gelten.

Unverändert, das heißt: Wenig Essig im Sud, keine chemischen Konservierungsstoffe, keine Süßstoffe und 16 frische Kräuter. 16 frische Kräuter – darauf ist Linkenheil stolz. Sein Dill wächst gleich auf den Feldern nebenan. Linkenheil greift sich ein paar Pflanzen, die samt gelber Dolde, Blättern und Stängel durch den Häcksler gehen. Es duftet süßlich-herb nach Dill.

Und Linkenheil hat noch einen Grund zur Freude: Nach jahrelangem Streit um die Markenbezeichnung „Spreewälder Gurken“ haben er und seine Schwester sich jetzt durchsetzen können. Das Hamburger Oberlandesgericht entschied vor kurzem, dass nur Gurken, die tatsächlich aus dem Spreewald kommen, auch so heißen dürfen. Selbst die Bezeichnung „Nach Spreewälder Art“, wie sie der nur 20 Kilometer entfernte Konkurrent „Jütro“ verwandte, ist damit verboten. Fast zehn Jahre lang hatten die Konkurrenzfirmen prozessiert. Bis zum Europäischen Gerichtshof war die Sache gegangen. Im Kern ging es um eine Verordnung der Europäischen Kommission zum Markenschutz, nach der regionale Herkunftsbezeichnungen geschützt werden können. So darf Champagner nur aus der Champagne kommen. Linkenheil ist sein Triumph deutlich anzusehen. Seine Gurken sind nun also nicht nur DDR-, sondern auch EU-Marke.

Der Rheinländer will nun gegen jeden, der aus der „Spreewälder Gurke“ unerlaubt Kapital zu schlagen versucht, gerichtlich vorgehen. Das grüne Gemüse darf unter diesem Namen nur verkauft werden, wenn es zu 70 Prozent im Spreewald heranwuchs und auch der Verarbeiter aus der Region stammt. Bei Linkenheil kommen sogar alle Gurken aus der Region.

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