Der Tagesspiegel : Die Liebe zu den nackten Betonwänden

Hans-Joachim Beuke ist für Berlins Bunker verantwortlich und kämpft dafür, dass sie erhalten bleiben. Einem verdankt er sein Leben.

Volker Eckert

Hans-Joachim Beuke ist ein stiller Kämpfer. Er kämpft für die Bunker und gegen die Leute, die so tun, als hätten wir nach dem Ende des Kalten Krieges nichts mehr zu befürchten. Leute, die über seine Bunker sagen: „Was sollen wir noch mit dem Mist?“ Beuke war 21 Jahre lang für Berlins Zivilschutzanlagen verantwortlich, wie die Bunker im Beamtendeutsch heißen. Er trat an, als die Nato neue Cruise Missiles in Deutschland stationierte. Wenn er jetzt mit 60 in den Ruhestand geht, wird seine Stelle womöglich gestrichen.

„Wer Bunker baut, wirft auch Bomben“, muss er sich oft anhören. Wann haben denn die Schweden zuletzt Krieg geführt?, gibt er dann zurück. Die sind nämlich wahnsinnig gut mit Bunkern ausgestattet, 80 Prozent der Bürger können Unterschlupf finden. Hans-Joachim Beuke wird ganz neidisch, wenn er daran denkt. In den Berliner Bunkern ist gerade mal Platz für 28 000 Menschen. Es kommt nur rein, wer zuerst da ist. Im Ernstfall wüssten viele wohl gar nicht, wo die nächste Anlage steht, vermutet Beuke. Dabei würde das regelmäßig in den Zeitungen stehen. Mit ordentlich geschnittenem grauen Bart und unauffälliger Blousonjacke sieht Beuke so aus, wie man sich einen Bunkerverwalter vorstellt.

Nach dem Mauerfall flossen die Gelder für Zivilschutz immer spärlicher, Krieg war kein Thema mehr. „Aber dann kam 1995 der Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn“, sagt Beuke mit einem Tonfall, als hätte er schon immer gewusst, dass das mal passiert. Auf einmal beschäftigte man wieder mit Katastrophenszenarien. Erst recht seit dem 11.9. In seinem Büro am Fehrbelliner Platz stand nach dem Anschlag das Telefon nicht mehr still, die besorgten Anrufer wurden von der Innenverwaltung gleich zu ihm durchgestellt: „Ich musste wie ein Pfaffe Seelentröster spielen.“

Bunker würden bei einem solchen Angriff wie in New York allerdings auch nichts nutzen, sagt Beuke. Er ist auch keiner, der hinter jedem Kaftan einen Terroristen sieht und in jedem Koffer eine selbst gebastelte Atombombe. Aber deshalb die Bunker zumachen? „Es könnte ja auch mal ein Chemieunfall passieren“, sagt er. Und überhaupt: Es koste doch nur 80000 Euro im Jahr, die 23 bestehenden Bunker in Berlin zu unterhalten.

In den 60ern zählt man in Berlin 178 Bunker, aber es gibt mehr. Vor Jahren war Beuke bei einem Vereinsfest auf einer Wiese in Spandau. Es war ein Sommertag und Beuke hatte warmes Bier mitgebracht. „Das kühlen wir in dem Raum hier unten“, sagte einer. Der Raum entpuppte sich als unterirdischer Bunker mit Platz für über 100 Leute.

Als Beuke seine Arbeit begann, hatte er noch keine Ahnung von Bunkern. Als Kind hat er mit seiner Mutter die Bombenangriffe in einem Luftschutzkeller in Delmenhorst überlebt. Das hat er mal einem Journalisten erzählt, und der schrieb dann, dass Beuke deshalb so fasziniert sei von den finsteren Gebäuden. Als er das las, war er überrascht. Jetzt sagt er: „Vielleicht stimmt’s ja.“ Seinen Abschied mit den Kollegen hat er im Hochbunker in der Lankwitzer Eiswaldtstraße gefeiert. Bei Hackepeter-Brötchen und Bier saß man im Neonlicht zwischen nackten Betonwänden. Einer spielte Akkordeon. Hans-Joachim Beuke fühlte sich wohl.

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